“Seelenfeuer” von Cornelia Haller – die Zweite

Wie in meinem Beitrag „Ein praktisches Beispiel: ‚Seelenfeuer‘ von Cornelia Haller“ angekündigt, habe ich mir die Leseprobe des Buches heruntergeladen und gelesen.

Die Leseprobe beinhaltete das gesamte erste und einen Teil des zweiten Kapitels. Da es bei E-Books keine feste Seitenzahlen gibt, muss dies als “Mengenangabe” genügen. Immerhin war das Lesestoff für gute 20 Minuten. Der Inhalt dieser Leseprobe wird auch in der Rezension von Martin Walser ausführlich wiedergegeben.

Das Buch ist flüssig und gut lesbar geschrieben. Die Autorin versteht es, den Leser gleich zu Beginn im ersten Kapitel zu fesseln. Wie die junge Hebamme um das Leben des Kindes und der Mutter bei einer Geburt kämpft, ist packend beschrieben und lies mich durchaus mitfiebern. Die Leseprobe ist auch ausreichend, um sich ein Bild von der Hauptperson zu machen.

Die technische Umsetzung des E-Books ist ganz ordentlich, allerdings gibt es für meinen Geschmack zu viele Absätze, die zudem noch jeweils mit einer Leerzeile besonders betont werden. Einfache Absätze hatten das Textbild positiver gestaltet. Außerdem gab es im ersten Kapitel mehrfach unnötige Leerzeichen, besonders beim Namen des Priesters “Wendelin”, der fast immer “Wendel in” geschrieben wurde. Im zweiten Kapitel ist der Fehler nicht mehr aufgetreten. Ansonsten ist die Leseprobe aber sauber lektoriert.

Die Figur der Luzia ist allerdings komponiert aus einer Ansammlung von Klischees. Luzia, die Hebamme, ist natürlich rothaarig und unehelich geboren, von der Mutter abgelehnt, als Dreizehnjährige zu Tante und Onkel gebracht worden, die – selbst kinderlos – das Mädchen wie ihre eigene Tochter lieben und großziehen. Außerdem ist Luzia medial begabt und besitzt die Fähigkeit, bei Berührung die Gefühle anderer Menschen selbst zu durchleben. Sie sieht Geister und Dämonen und hört Stimmen, die sie führen. Cornelia Haller hat voll in die Esoterik-Kiste gegriffen. Ein paar Beispiele:

“’Geh weiter! Du bist auf dem rechten Weg!’, drang das kaum wahrnehmbare Flüstern an ihr Ohr. Die Schneeflocken glitzerten auf einmal wie verzauberte Kristallsterne. Perchta,die uralte Erdenmutter, die Hüterin der Elemente und des Wetters, war ihr also gnädig.
‘Große Mutter, Quelle der ungeborenen Seelen, danke, dass du mir den sicheren Weg weist’, flüsterte Luzia dankbar.”

“‘Große Mutter, steh uns bei! Ich bitte dich, hilf mir und führe meine Hände’, betete Luzia stumm.
Sie erschrak, als sie die tanzenden Schatten an der Wand entdeckte. Schwarz und unheimlich krochen sie immer näher. Luzia meinte, sie kichern zu hören.”

“‘Gib nicht auf, du bist auf dem rechten Weg!’ Luzia hob ruckartig den Kopf und sah auf die Feuerstelle. Das Flüstern war aus den Flammen gekommen. Ein kaum sichtbares Lächeln umspielte ihren Mund.”

Ob die Autorin selbst “esoterisch angehaucht” ist oder sich die Geisteswelt einer spätmittelalterlichen Hebamme so vorstellt, vermag ich auf Grund der Leseprobe nicht zu sagen.

Ganz gelungen fand ich dagegen die Darstellung des Miteinanders von christlichem Glauben und Aberglauben im Leben der Menschen bei der Geburtsszene, die insgesamt sehr gut beschrieben ist. Während Luzia die Schatten an der Wand tanzen sieht und von der “Großen Mutter” Zuspruch erfährt, beten die anwesenden Frauen den Rosenkranz. Gleichzeitig verabreicht die Hebamme der Gebährenden Betäubungsmittel, um den Geburtsschmerz zu lindern. Sie weiß genau um die Geburtsvorgänge Bescheid und greift mit ihren Händen beherzt in den Gebärvorgang ein.

Überhaupt ist Luzia eine recht moderne Hebamme, die sich über jede Geburt Notizen macht und diese systematisch auswertet.

“Sie trug jede Niederkunft in ein Pergament ein. Pater Wendelin gab ihr jedes Jahr einige Bögen davon und ermutigte sie, täglich ein paar Zeilen zu schreiben.”

Aus der Leseprobe geht leider nicht hervor, wo das Mädchen zu schreiben gelernt hat. Bei Martin Walser kann man lesen, dass Pater Wendelin ihr Lehrer ist.

Was mir gar nicht gefallen hat, aber das mag eine Geschmacksfrage sein, sind die aufgesetzt wirkenden Formulierungen, mit denen die Verfasserin so etwas wie “altertümliches Kolorit” erzeugen will. So verwendet sie nicht nur den Begriff “Jahre” für entsprechende Zeitangaben, sondern auch „Sommersonnenwende“ und schafft es, sogar in einem Satz abwechselnd von “Wintern” und “Sommern” zu sprechen:

“Vor sechs Jahren hatten sie sich kennengelernt.”

“Er hatte zu den wenigen gehört, die sie vor sechs Sommersonnenwenden nicht wegen ihres Haares angestarrt hatten”

“Während Luzia gerade ihren neunzehnten Winter erlebte, zählte Matthias schon etwas über zwanzig Sommer.”

Auch sonst tauchen für meinen Geschmack arg pathetische Sätze auf:

“Jetzt suchte sie nach dem Augenblick. Der winzigen Lücke in den mächtigen Speichen im Rad der Zeit, in welche sie mit Gottes Hilfe den Stab des Schicksals senken konnte.”

Andererseits taucht auch unvermittelt ein Anachronismus auf, wenn Luzia das Neugeborene mit den Worten begrüßt:

“Da haben wir ja den neuen Erdenbürger.”

Ein Bürger war in dem kleinen Dorf Seefelden am Bodensee im Jahr 1483 mit Sicherheit nicht zur Welt gekommen.

Mir stellt sich die Frage, welches Mittelalterbild durch solche Passagen dem Leser vermittelt wird? Aber für eine kompetente Beurteilung ist die Leseprobe natürlich zu klein, so dass ich die Frage offen lassen muss.
Wenn Walser im Blick auf das gesamte Buch schreibt:

„Das alles ist beängstigend genau erzählt. Man erfährt, wie eine Stadt, der es ganz gut geht, ziemlich schnell in einen Wahn gerät. Jeder kann jeden denunzieren oder anklagen.“

dann mag er Recht haben. Ich bin allerdings angesichts der Klischeehaftigkeit der Leseprobe skeptisch ob der historischen Genauigkeit des Romans.

Mein persönliches Fazit jedenfalls lautet: Wer einen spannenden, gut geschriebenen Unterhaltungsroman sucht, wird mit „Seelenfeuer“ gut bedient sein. Ich werde mir das Buch dennoch nicht zulegen.

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