„Gesalzen“ statt „befeuert“ – eine gemeinfreie Alternative zum Roman „Seelenfeuer“

Zwischen den eher technischen Beiträgen zum Thema E-Book soll auch die Literatur nicht zu kurz kommen. Letztlich soll es ja gerade um das Thema “Geschichte und E-Book” gehen, die technischen Erläuterungen sollen nur den Einstieg all denen erleichtern, die sich mit diesem Thema noch nicht befasst haben. In diesem Beitrag will ich einen historischen Roman vorstellen, den es als elektronische Ausgabe für alle gängigen Systeme kostenlos gibt. Vor einigen Wochen habe ich in diesem Blogbeitrag eine Leseprobe des Buches “Seelenfeuer” von Cornelia Haller besprochen und war nicht wirklich begeistert. Daher will ich an dieser Stelle kurz eine Alternative vorstellen, die dieselbe Thematik behandelt. Ich meine Ludwig Ganghofers “Der Mann im Salz”.

Auch in diesem Roman geht es wie beim “Seelenfeuer” um Hexenverfolgung in Süddeutschland. Statt 1483 in Seefelden am Bodensee spielt diese Geschichte am Vorabend des 30jährigen Krieges im Berchtesgadener Land. Ein junger Mann, Adelwart, will als Jäger in den Dienst eines Klosters treten und verliebt sich in die verwitwete Schwägerin des Jagdaufsehers. Wegen dieser, zunächst unglücklichen, Liebesgeschichte muss er aber als Hauer im Salzbergbau arbeiten. Adelwart gelingt es, die Produktivität des Bergbaus um ein Vielfaches zu steigern, indem er erstmals Sprengstoff einsetzt. Damit macht er sich nicht nur Neider, auch die im Salz konservierte Mumie eines prähistorischen Bergmanns kommt zum Vorschein und weckt im abergläubischen Volk die Furcht vor dem Wirken des Teufels. Während die Geistlichen des Klosters dem aufkommenden Hexenwahn entgegen zu treten versuchen, steigert ein auswärtiger Dominikanerpater die hysterische Stimmung in der Bevölkerung. Bald wird die erste Frau verhaftet, und auch die Geliebte des Adelwart wird der Hexerei verdächtigt. Wie es ausgeht, will ich im Detail nicht vorwegnehmen. Aber am Ende des Romans sieht man spanisches Kriegsvolk nach Böhmen ziehen. Der Dreißigjährige Krieg wirft seine dunklen Schatten voraus.

Ludwig Ganghofer ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Selbstverständlich ist auch dieses 1905 erstmals veröffentlichte Buch ein Kind seiner Zeit. Der Protagonist handelt immer rational und rettet mittels modernster Technik, der Sprengung im Bergbau, nicht nur das hoch verschuldete Kloster, sondern auch die guten, aufklärerisch gesinnten Klosterbrüder. Die dunkle Gestalt ist natürlich der Hexenjäger und Dominikanerpater Doktor Pürckhmayer. Es geht um Liebe, Aufklärung und Vernunft gegen Aberglaube, Neid und Eifersucht, um subversiven, toleranten Protestantismus gegen enggeistigen katholischen Mainstream und nicht zuletzt um Fortschrittlichkeit gegen Rückständigkeit: Themen, die um 1900 sicher den Nerv der Zeit trafen.
Ganghofer wirbt für ein aufgeklärtes, rationales, technikaffines Denken. Entsprechend sucht man in dem Werk esoterische Anspielungen vergebens. Wer sich für eine zeitgeschichtliche Einordnung der Werke Ganghofers interessiert, wird in der Dissertation “Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945” von Frank Westenfelder fündig, die hier online gestellt ist (speziell zu Ganghofer siehe hier.)

“Der Mann im Salz” ist spannende Unterhaltungsliteratur und sagt zugleich viel über seine Entstehungszeit und ~umstände aus.
Verfilmt wurde das Werk zweimal, zumindest entnehme ich dies dem Wikipedia-Artikel zu Ludwig Ganghofer: 1921 und 1989 als TV-Spielfilm.
Das Werk selbst ist gemeinfrei. Wer sich also dafür interessiert, kann es sich gefahrlos (zumindest für den Geldbeutel) zulegen, z. B. im Projekt Gutenberg-DE oder bei “wissen-im-Netz.info”. Im epub-Format gibt es den Roman hier und für alle Kindle-Besitzer hier.

Ich bin übrigens vor vielen Jahren in einer Vor- und Frühgeschichte-Vorlesung in Göttingen von Prof. Jakob-Friesen auf dieses Buch aufmerksam gemacht worden. Thema war die Hallstattzeit. Tatsächlich wurden in prähistorischen Salzbergwerken von Hallstatt und Hallein, also nicht weit von Berchtesgaden, im 16. und 17. Jahrhundert mehrfach mumifizierte Bergleute gefunden, die die Gemüter der Zeit erregten (vgl. Höpfel, Platzer et al. (Hg.) 1992-c1995 – Der Mann im Eis, Vorwort, S. VII). Am bekanntesten der Fund von 1734 in Hallstatt. Damals entdeckten Bergleute im Stollen den Körper eines Mannes. Die hohe Salzkonzentrationen im Bergwerk konservierte den Körper, der bald nach seiner Entdeckung bestattet wurde (siehe den kurzen Hinweis in Wikipedia). Dieser Fund ist das zentrale Thema im Schaubergwerk “Salzwelten Hallstatt”:

“Drei Bergleuten wurde dieser Umstand im April 1734 auf gruselige Weise vor Augen geführt: Sie entdeckten bei ihren Arbeiten unter Tage die gut erhaltene Leiche eines Mannes! Kleidung, Haut und Haare ließen sogleich den Schluss zu, dass der Fund hunderte Jahre alt sei und man begrub ihn als Heiden außerhalb der Friedhof-Mauern. Heute wird vermutet, dass der Mann wohl schon im 1. Jahrtausend v. Chr. einem Grubenunglück zum Opfer fiel.”

Nähere Informationen aus archäologischer Sicht zum „Mann im Salz“ finden sich in dem Beitrag „Archäologie des »Mannes im Salz«. Zehn Jahre Montanarchäologie im Salzbergbau Dürrnberg“ von Thomas Stöllner.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*