Impressionen von der neugestalten Gedenkhalle Schloss Oberhausen

Ich habe auf die Wiedereröffnung der Gedenkhalle Schloss Oberhausen ja bereits hingewiesen (nachzulesen hier). Im Januar hatte ich auch die Gelegenheit, die Gedenkhalle zu besuchen.

Optisch ist die Gestaltung der Gedenkhalle durchaus gelungen. Farblich ganz in weiß gehalten, wovon sich nur die schwarze Schrift absetzt, und ausschließlich in schlichten kubischen Formen gestaltet, wird der Besucher nicht abgelenkt, sondern geradezu gezwungen, sich mit dem Inhalt der Ausstellung zu beschäftigen. Das Foto, das in derwesten anlässlich der Eröffnung veröffentlicht wurde, gibt hiervon einen guten Eindruck wieder:

Quelle: DerWesten.de

(Quelle: derwesten.de)

Der Eingangsbereich der Gedenkhalle widmet sich der Geschichte der Gedenkstätte. Dies ist keine „Selbstbeweihräucherung“, sondern begründet in der Sache. Die Oberhausener Gedenkhalle wurde bereits 1962 errichtet und ist damit „die nachweislich erste Kommune, die zu diesem frühen Zeitpunkt eine Gedenkstätte zum Nationalsozialismus in Westdeutschland einrichtete. Damit schuf sie lange vor der westdeutschen Gedenkstättenbewegung der 1980er Jahre einen für die damalige Zeit einmaligen Ort.“ (aus: Neue Dauerausstellung der Gedenkhalle Oberhausen)

Im Hauptraum befindet sich die eigentliche Ausstellung. Architektonisch wurde eine anspruchsvolle Lösung gewählt, denn nicht einzelne Vitrinen oder an den Wänden aufgehängte Texttfafeln findet der Besucher vor, sondern einen rechteckigen, hölzeneren Einbau mit unregelmäßiger Oberflächenstruktur. Der Innenbreich dieses Karrées ist nur durch einen schmalen Zugang zu betreten. In die Wände dieses Karrees sind Texttafeln, Exponate (hinter Glas) und Bildschirme für Videopräsentationen eingelassen. Mittels Schubladen kann der Betrachter zusätzliche Informationen und Dokumente bei Bedarf herausziehen.

Im Umlauf wird die NS-Geschichte der Stadt Oberhausen unter verschiedenen Themenaspekten dargestellt: Machtübernahme, Gleichschaltung und Widerstand (Katholiken, Zeugen Jehovas, Evangelisch-bekennende Kirche, aber relativ wenig sozialdemokratischer/kommunistischer Widerstand), die Situation der Oberhausener Juden 1933, die Situation der jüdischen Bevölkerung während des Krieges usw. Insgesamt folgt die Ausstellung einem chronologischen Aufbau, der von 1933 bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus zu den ersten Monaten der Besatzungszeit führt.

Die Realisierung der Ausstellung macht es dem Betrachter leicht, sich dieser Thematik zu widmen. Zwar ist die Ausstellung sehr textlastig, aber es ist gelungen, die jeweilige Darstellung nicht einfach nur mit Fotos, Faksimiles und einzelnen Exponaten zu illustrieren, sondern einen inhaltlichen Bezug zwischen diesen Elementen herzustellen. Die Texte sind leicht verständlich geschrieben. Klassische Ausstellungsobjekte gibt es nur wenige. Diese erzielen aber eine umso größere Wirkung im Zusammenspiel mit den Texten.
Sehr hilfreich ist auch der Einsatz neuer Medien. So können mehrfach in der Ausstellungen Interviews von Zeitzeugen an Monitoren, die sich wie die anderen Elemente in die Ausstellungswand einfügen, abgerufen werden. Wahlweise in deutsch oder englischer Übersetzung erzählen beispielsweise ehemalige Zwangsarbeiter, Oberhausener Juden, widerständige Katholiken usw. von ihren Erlebnissen in der NS-Zeit. Das Ganze erinnert an die vielen Geschichtsdokus im Fernsehen, in denen auf dieses Stilmittel meist ausgiebig zurück gegriffen wird. Auf diese Weise werden morderne Sehgewohnheiten aufgegriffen und für das Medium Ausstellung genutzt.
Das Element der Schubladen, die aus dem Ausstellungskorpus herausgezogen werden können und vertiefende, meist Schriftdokumente enthalten, macht zugleich sinnhaft deutlich, dass viele Quellen für diese Ausstellung buchstäblich bei den Bürgern zu Hause aus den Schubladen hervorgeholt wurden. In einem Bericht auf derwesten.de hieß es im Vorfeld der Ausstellungseröffnung:

„Bürger wurden aufgefordert, der Ausstellung persönliche Gegenstände aus der Zeit des Nationalsozialismus zur Verfügung zu stellen. Auch in der WAZ-Redaktion hatten zahlreiche Leser Exponate abgegeben. Der Leiter der Gedenkhalle, Clemens Heinrichs, war über die Resonanz überrascht: „Wir haben deutlich mehr Stücke erhalten, als wir in die Ausstellung einbauen konnten.“ Kleine Schätze waren dabei: Abzeichen, Briefe und Dokumente.“

Wenn man das Karree umschritten hat, zieht die Neugier den Besucher in das Innere, in das man allerdings nur durch eine relativ schmale Öffnung gelangt. Während auf der Außenseite die NS-Geschichte Oberhausens unter den verschiedensten Aspekten beleuchtet wird, ist der Innenbereich ausschließelich dem Thema „Zwangsarbeit“ gewidmet.

„Das Thema „Zwangsarbeit“ gehört als integraler Bestandteil der Kriegsgeschichte zur Industriestadt Oberhausen, in der Zehntausende Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter tätig und im Stadtbild präsent waren und über 1.200 von ihnen starben.“ (aus: Neue Dauerausstellung der Gedenkhalle Oberhausen)

Ausführlich wird dargestellt, woher die Zwangsarbeiter, die in Oberhausen arbeiten mussten, kamen, unter welchen Umständen sie lebten und vor allem, wo in Oberhausen sie lebten. Herzstück ist hierbei ein digitalisierter Stadtplan, auf dem an einem großen Touchscreen aller Zwangsarbeiterlager Oberhausens verzeichnet sind. Oberhausener Besucher der Ausstellung können mühelos solche Lager in ihrem Stadtteil finden und machen sicher so manche überraschende Entdeckung, wenn z. B. Gaststätten, die heute noch existieren, zu Zwangsarbeiterlagern umfunktioniert worden waren.
Weiterhin ist in der Ausstellung eine Datenbank der NS-Opfer aus Oberhausen abrufbar, die in Zukunft jederzeit erweitert und aktualisiert werden kann. Sie kann nach Namen oder Adressen durchsucht werden und stellt so ebenfalls für den Besucher einen direkten Bezug zur eigenen Lebenswelt dar, beispielsweise durch die naheliegende Frage: Haben auch in meiner Straße oder Nachbarschaft Menschen gewohnt, die in der NS-Zeit verfolgt worden waren?

Wie gesagt ist das Konzept der Ausstellung sehr dezent. Dazu gehört auch die Aufsicht, die unauffällig im Hintergrund blieb, mir aber unaufgefordert einen Kopfhörer reichte, als ich vor der ersten Videopräsentation stand. Die Monitore sind jeweils mit vier Audio-Ausgängen versehen, so dass Kleinstgruppen gemeinsam die jeweiligen Beiträge sich ansehen können. Für größere Gruppen bedarf es ggf. eines Lautsprechers.

Auf den ersten Blick erinnert die Ausstellung konzeptionell an Modelle der 70er Jahre, wobei auf Inszenierungen vollständig verzichtet wurde, wenn man nicht die Gesamtpräsentation als eigenständige Art der Geschichts-Inszenierung bezeichnen will. Stattdessen wurden die heute dem geschichtsinteressierten Betrachter vertrauten Mittel des Video-Interviews von Zeitzeugen und des interaktiven Computereinsatzes verwendet. Auf diese Weise und durch die mittels der Schubladen und dem relativ versteckten Innenraum geweckte Neugier des Besuchers wird verhindert, dass die Präsentation mit der Zeit dröge wird.
Die optisch ansprechende Schwarz-Weiß-Gestaltung der Ausstellung scheint mir auf lange Sicht aber anfällig für Graffiti aller Art oder auch Verschmutzung durch hoffentlich regen Besuch. Ob es der Stadt gelingt zu verhindern, dass die Ausstellung in der Gedenkhalle im Laufe der Zeit ihre so ansprechende Wirkung verliert und statt dessen „schmuddelig“ wird, bleibt abzuwarten.

Für einen angemessenen Rundgang durch die Ausstellung sollte man 45 bis 60 Minuten veranschlagen, will man sich alle Interviews und Videoclips ansehen, wird man sicher weitere 30 Minuten zulegen müssen. Zumindest für ältere Besucher dürfte dies mangels Sitzgelegenheiten allerdings kaum realisierbar sein (die Stühle auf dem obigen Foto standen wohl nur zur Ausstellungseröffnung bereit, bei meinem Besuch waren keine vorhanden).

Der Eintritt ist frei, die Öffnungszeiten und angebotene kostenlose Führungen kann man der Homepage der Stadt Oberhausen bzw. der einschlägigen Seite des Arbeitskreises der NS-Gedenkstätten in NRW entnehmen.

Quintessenz: Es lohnt sich auf jeden Fall, diese Ausstellung zu besuchen. Für Oberhausener ist es eine sehr gute Einführung in die NS-Geschichte ihrer Heimatstadt, die ggf. durch weiterführende Literatur vertieft werden kann. Da es zu der Ausstellung kein Begleitheft gibt, wäre eine Literaturliste zum Mitnehmen sicher eine nützliche Ergänzung für die Besucher.
Da das Thema „Zwangsarbeit“ einer der Hauptthemenschwerpunkte darstellt, ist die Ausstellung auch unter einem überörtlichen Gesichtspunkt sehenswert. Vieles, was hier am Beispiel Oberhausens aufgezeigt wird, gilt ohne Abstriche für die anderen Ruhrgebietsstädte und darüber hinaus. Ich wünsche jedenfalls der Gedenkhalle viele interessierte Besucher.

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