Rezension „Heute keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“ von Brigitte Krächan

In letzter Zeit ergeben sich immer wieder einmal Rezensionsanfragen, denen ich, so es meine Zeit zulässt, gerne nachkomme.
Nach den „Totengräbern“ gilt es heute ein ähnliches Buch zu besprechen. Es handelt sich um „Heute Keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“ von Brigitte Krächan.

Das Thema ist ja hoch aktuell wegen des 100. Jahrestages des Ende des Ersten Weltkriegs und dem immer wieder in politischen Kommentaren verwendeten Vergleich der Weimarer Republik und der heutigen Bundesrepublik. Zuletzt hat die erfolgreiche Fernsehserie Babylon Berlin dieses Thema breitenwirksam aufgegriffen.

Mit „Heute Keine Schüsse – Berlin in der Weimarer Republik“ hält der Leser das Tagebuch des fiktiven Walter Schachtschneider in den Händen, eines Industriellensohnes vom Rand des Ruhrgebiets, der 1914 in Berlin an der Kunstakademie studiert, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Im Sommer 1915 in Frankreich verwundet, kehrt er aus dem Krieg zurück, nimmt sein Studium aber nicht wieder auf und tritt statt dessen eine Stelle in der fiktiven Kunstgalerie Radke in Berlin an. Die folgenden Jahre der Weimarer Republik begleitet er in Tagebuchform ganz bewusst als distanzierter Beobachter.
Diese passive Beobachterrolle der Hauptperson ist nicht nur im Blick auf die Geschichtsdarstellung gewählt, sondern entspricht vollkommen der Romanpersönlichkeit, die sich in ihrem privaten Leben als unentschlossen und ziellos darstellt. Seine berufliche Stellung in der fiktiven Kunsthandlung Radke verändert sich in den knapp zwanzig Jahren nicht, er bleibt der Gehilfe des Inhabers. Einerseits geschätzt, andererseits bei allen wichtigen geschäftlichen Fragen übergangen. Walter Schatzschneider aber fehlt der Mut, sich beruflich zu verändern. Auch sein Vater übergeht ihn und übergibt die Leitung des Familienverlages lieber seinem Schwiegersohn. Während sein gesamtes Umfeld erwartet, dass er die Tochter seines Arbeitgebers, mit der er die gesamten Jahren über freundschaftlich verbunden ist, heiraten würde, lehnt er dies konsequent ab, weil er sie nicht liebe. Zu seiner großen Liebe, eine Prostituierte aus dem sozialen Proletariat Berlins, traut er sich aber erst zu bekennen, nachdem diese an Typhus gestorben ist.
Seine eigene passiv-beobachtende Haltung drückt Schachtschneider in der Bemerkung aus: „Wer neutral beobachtet, findet überall Schwächen und Negatives. Kein Plakat, das während der Proteste der letzten Tage durch die Straßen von Berlin getragen wurde, fand meine vollkommene Zustimmung. Immer hatte ich ein Bedenken, immer eine Einschränkung, immer gab es einen Umstand, der nicht erklärt wurde.“ (Tagebucheintrag „30.11.1918, Sonnabend“)
Oder an anderer Stelle: „Also schwieg ich. Besser war es, nicht zu handeln, als das Falsche zu tun.“ (Tagebucheintrag „14.06.1925, Sonntag“)
Gleichwohl bezieht er (oder sollte man besser sagen: die Verfasserin) immer wieder klar Stellung. So wenn Walter Schachtschneider feststellt: „Man kann in diesen Zeiten nicht neutral sein! Kämpfe für Ebert! Wenn du an die Demokratie glaubst, kämpfe für sie.“ (Tagebucheintrag „30.04.1919, Mittwoch“)
Dabei weiß Walter Schachtschneider seine Kommentare durchaus in pointierte Ironie zu fassen („Also stießen wir mit einem hervorragenden Franzosen auf den Geburtstag des Kaisers an.“ – Tagebucheintrag „27.01.1929, Sonntag“).

Brigitte Krächan hat geschickt die frei erfundene Lebensgeschichte der Familie Schachtschneider in die realen Ereignisse im Deutschland der Weimarer Republik eingebettet, so dass mittels des Stilmittels des Tagebuchs der Leser auf eine Reise durch die Zeit genommen wird. Das Berlin der Jahre 1917 bis 1933 (mit einem gelegentlichen Blick auf Witten, dem Heimatort der Schachtschneiders) wird zum Schauplatz des Romans. Chronologisch berichtet Walter Schachtschneider von den Ereignissen der deutschen und gelegentlich weltpolitischen Bühne. Die Autorin hat beachtlichen Rechercheaufwand betrieben und so ein gelungenes Zeitporträt geschaffen, das sich leicht lesen lässt, ohne oberflächlich zu scheinen.
Zum besseren Verständnis sind die Romanprotagonisten zu Beginn des Buches in einem Personenverzeichnis aufgeführt, am Ende des Buches folgt ein Register der historischen Persönlichkeiten, die im Tagebuch Erwähnung finden. Hier wären eine der wenigen Kritikpunkte an dem an sonsten gut lektorierten Buch anzuführen. So ist das Register (zumindest in der Amazon-Kindle-Ausgabe, die mir vorliegt) nicht stringent formatiert. Oftmals sind Personen nicht durch Absätze voneinander getrennt (wie es in der Regel der Fall ist), sondern stehen hintereinander weg, was die Nutzung des Registers erschwert. Personen sind stellenweise falsch einsortiert, so erscheint Kaiser Wilhelm II. unter „K“. Unter den aufgeführten Personen fehlt außerdem Friedrich Ebert.
Im Text fällt ein ganzer, sinnlos kursivierter Absatz auf (Tagebucheintrag „Ahlbeck, März 1916“). Rechtschreibfehler und Verschreiber sind selten (einmal steht „DDPP“ statt „DDP“). Sie tun dem Lesevergnügen allerdings keinen Abbruch. Gravierender ist allerdings die fehlende Verlinkung des Inhaltsverzeichnis in der Kindle-Ausgabe, was die Navigation deutlich erschwert.

Inhaltlich sind die im fiktiven Tagebuch aufgeführten Fakten gut recherchiert. Die im Text erwähnten Zeitungsquellen (in einem eigenen Register noch einmal aufgeführt) dürften wohl auch die Hauptrecherchequellen der Verfasserin gewesen sein, was angesichts ihrer Menge durchaus bemerkenswert ist. Ein paar erläuternde Worte hierzu in einem Vor- oder Nachwort wären wünschenswert gewesen.

Immer wieder stolpert man beim Lesen über heute weitgehend unbekannte Ereignisse, die aber ein Bild von einer erregten, instabilen und zum Extremen neigenden Zeit vor Augen führen. So erfährt man beispielsweise, dass es bereits Jahre vor dem bekannten Reichstagsbrand von 1933 einen Bombenanschlag auf das Gebäude gegeben hatte – ausgeführt von der Bauernbewegung „Landvolk“ (Tagebucheintrag „02.09.1929, Montag“ und „10.09.1929, Dienstag“). Solche Ereignisse ausgegraben zu haben, die das Klima jener Zeit ausdrücken, ist das Verdienst der Verfasserin.
Als offensichtlicher Fehler wäre dagegen höchsten die Bemerkung festzuhalten, wonach Walters Neffe Paul das Lyzeum in Witten besuchen würde (Tagebucheintrag „Witten, 13.08.1926, Freitag“). Ein Lyzeum ist allerdings eine Mädchenschule.
Es fällt auf, dass das gesamte Thema Kirche und Religion in dem Buch ausgespart werden, was der historischen Bedeutung sicher nicht gerecht wird. Selbst bei der Beerdigung seiner Mutter erwähnt Walter Schachtschneider nicht den Trauergottesdienst oder die Predigt. Eine kritische Haltung zum Katholizismus scheint nur bei Walters Vater Bemerkung zu Matthias Erzberger durch, über den es heißt: „Dieser Katholik, ohne militärischen Rang, ohne Vermögen, ohne Titel hat die Friedensverhandlungen an sich gerissen.“ (Tagebucheintrag „01.08.1919, Freitag“). Das passt ins Bild, denn der Ort Witten, aus dem die Familie stammt, war seit der Reformation protestantisch, Katholiken bildeten auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine kleine Minderheit. So ist davon auszugehen, dass die Familie Schachtschneider ebenfalls protestantischen Glaubens ist.
Die Vorgänge um die Reichspräsidentenwahl 1925 sind in schriftstellerischer Freiheit vereinfacht dargestellt. Hindenburg trat erst im zweiten Wahlgang an, nachdem das rechtskonservative Lager den Kanidaten des ersten Wahlgangs wegen zu geringer Siegesaussichten zurückgezogen hatte. Dies wird in der Tagebuchdarstellung übergangen.
Im Zusammenhang des 1. Mai 1933, der als „Tag der nationalen Arbeit“ von der NSDAP gefeiert wurde, vermisst man die Erwähnung der anschließend am 2. Mai erfolgten Zerschlagung der Gewerkschaften. Da Walter Schachtschneider ja aus einer konservativen Unternehmerfamilie stammt, hätte sich eine Erörterung dieses Vorgehens durchaus angeboten.

Diese inhaltlichen Kritikpunkte schmälern nicht das Gesamturteil über das Werk, das seinen Leser durchaus gefangen nehmen kann und ein emotionales, fiktiv-biografisches Gemälde der Weimarer Republik zeichnet. Der Roman bewegt sich geschickt im Spannungsfeld der passiven Beobachterrolle der Hauptfigur und dem durchaus klaren politischen Bekenntnis zu Demokratie und sozialer Gerechtigkeit und deutet hierin auch einen der vielfältigen Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik an: die unentschlossene Haltung des liberalen Bürgertums angesichts der sich in großer Geschwindigkeit ereignenden Veränderungen dieser Zeit.

Leserinnen und Leser müssen sich aber bewusst sein, dass die Schilderung aus heutiger Perspektive erfolgt. Unvermeidbar projiziert die Verfasserin gegenwärtige Verhältnisse in die Vergangenheit zurück. Wenn z. B. Schachtschneider schreibt: „Elsa meinte, ich solle ihn [Hitler] nicht unterschätzen, er habe so etwas in seiner Haltung und in seinem Blick.“ (Tagebucheintrag „12.07.1928, Donnerstag“), dann erklärt sich dies erst durch das Wissen um den Ausgang der Geschichte der Weimarer Republik und der NS-Herrschaft. Hier unterscheiden sich Roman und historisches Sachbruch grundlegend. Fiktive Geschichte wirkt wie echt ohne es zu sein, und dies muss den Leserinnen und Lesern immer bewusst bleiben.

Brigitte Krächan, Heute keine Schüsse. Berlin in der Weimarer Republik, Hamburg (tredition GmbH) 2018.
ISBN Paperback: 978-3-7469-1774-0 (16,99 €)
ISBN Hardcover: 978-3-7469-1775-7 (24,99 €
ISBN e-Book: 978-3-7469-1776-4 (5,99 €)

Die Homepage der Autorin mit vielen weiteren Informationen (nicht nur) zum Buch.

Brigitte Krächan: Heute keine Schüsse. Berlin in der Weimarer Republik.

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