Ich bin schockiert!

Heute macht die NRZ/WAZ mit einer großen Schlagzeile auf: “Viel zu wenig Wissen von Geschichte – Studie belegt große Lücken der politischen Bildung bei Schülern in NRW”. Auf der Homepage titelt der entsprechende Artikel “Wer ist Erich Honecker? Schüler in NRW wissen nur wenig über Geschichte”.
Flankiert wird die Titelstory sowohl in der Zeitung als auch im Internet mit einer Reihe weiterer Artikel wie z. B. “NRW-Schüler haben in Geschichte krasse Wissenslücken”, ”Den Gymnasien fehlt ein Schuljahr Geschichte”, ”Die Schüler und die DDR“ und ”Aus dem Fragebogen”.
Über die Studie wurde übrigens bereits vor ein paar Wochen in der WAZ/NRZ berichtet ”NRW-Schüler können nicht zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden” (27. Juni 2012).

Ich bin wirklich schockiert.

Dass die Schüler von heute viel zu wenig von Geschichte wissen, ist eine bedauerliche wie allgemein verbreitete Erkenntnis. Es macht es nicht besser, dass dies schon zu meiner Schulzeit vor mehr als 30 Jahren so war, zumindest habe ich die Klagen der Älteren noch gut im Ohr. Jahrzehnte pädagogischer Reformbemühungen haben daran offenbar nichts geändert, zumindest nicht am Jammern und Klagen.

 

Aber um ehrlich zu sein, nicht deswegen bin ich schockiert, sondern wegen der Studie und ihrem gedanklichen Ansatz, zumindest wie er in der Presse vermittelt wird.

Die Studie der Freien Universität Berlin unter der Regie von Prof. Klaus Schroeder wird heute in Berlin veröffentlicht. Ich zitiere aus den oben verlinkten Artikeln:

“In den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und NRW wurden dafür in den Klassenstufen neun und zehn 5500 Schülerinnen und Schüler befragt. In NRW lagen die Schulen unter anderem in Dortmund, Oberhausen und Köln.”

Offenbar haben die NRW-Schüler besonders schlecht abgeschnitten. Grund hierfür seien die Lehrpläne in NRW, die “anders als in den anderen Bundesländern zu wenig auf die Vermittlung von Sachwissen ausgerichtet” seien. Während die Schüler den Nationalsozialismus überwiegend negativ einschätzten, stünden 30 Prozent der Schüler “dem ideologischen System der DDR auch nach Ende des Schulunterrichts positiv oder neutral gegenüber.”

 

Nun kenne ich die Studie natürlich nicht, sondern nur die hier erwähnte Berichterstattung. Aber was ist demnach Gegenstand der Untersuchung: sog. Sachwissen. Die Beispiele aus dem Fragebogen, den die Schüler belegen dies deutlich. Im Multiple-Choice-Verfahren mit jeweils vier Auswahlmöglichkeiten heißt es da:

  • Was waren die Schlagworte der „Französischen Revolution“?
  • Die sogenannte Befreiung der Landshut war …
  • Mit der Machtübernahme Adolf ­Hitlers endete 1933 …
  • Was geschah am 17. Juni 1953?
  • Wer war Otto von Bismarck?
  • Welche Politiker stehen für das „Wirtschaftswunder“ in der Bundesrepublik?
  • Wofür steht der Begriff „Deutscher Herbst“?

“Drei – drei – drei, bei Issos Keilerei”

, fällt mir dazu nur ein. Geschichte wird reduziert auf das Auswendiglernen von Daten, Namen und Orten. Immerhin muss man diesem Bildungskonzept wohl eine gewisse Praxisorientierung zugute halten, sind die so beschulten jungen Männer und Frauen doch bestens für alle Quizsendungen des Deutschen Fernsehens gerüstet. Und war nicht der erste Gewinner bei Günter Jauch ein Historiker?

 

Bei den Fragen gibt es aber auch ein paar sehr dubios formulierte. Wenn z. B. die Frage gestellt wird: “Wer hat im wiedervereinigten Deutschland die größte Macht?” (die richtige Antwort ist übrigens “der Bundeskanzler” und nicht etwa “der Regierende Bürgermeister von Berlin”), dann wünsche ich mir eigentlich, dass Schüler nach zehn Schuljahren mehr über Macht in einem demokratischen Staatswesen wissen, als man in solch einem simplen Quizspiel abfragen kann: über deren Legitimation, über formelle und informelle Macht (z. B. “Richtlinienkompetenz”), über den Unterschied im Verhältnis Kanzler – Präsident zwischen BRD und Weimarer Republik und wieso das eine mit dem anderen etwas zu tun hat usw. Ob die Märkte und deren Manager nicht mehr Macht in unserem Land haben, als Bundeskanzlerin, Bundespräsident und Regierender Bürgermeister zusammen, wäre ja auch mal eine Schulstunde wert.

Oder wenn es heißt: “Wer war von 1971 bis 1989 ‘Chef’ in der DDR?” (Nein, nicht Friedrich Engels!; die Frage fand ich übrigens nur in der Druckausgabe, im Internet fehlt sie.), dann scheint der Verfasser der Studie noch nicht ganz den Unterschied zwischen Louis XIV. und Erich Honecker verstanden zu haben. Von der Frage, wie Macht in der DDR zu verstehen ist (oder in beiden deutschen Staaten in der Zeit des Kalten Krieges – Stichwort “Marionette Moskaus” oder “Kanzler der Alliierten”), ganz zu schweigen. Vielleicht wissen die Schüler über solche Fragen ja sogar mehr zu berichten, als es die Studie wissen wollte? Hätten dann Bayern und Baden-Württemberg nicht so glänzen können? Angesichts dieser Berichte stellen sich mir Fragen, die man jedenfalls nicht mit a, b, c oder d beantworten kann.

Gut scheint nach der Studie jedenfalls ein Geschichtsunterricht zu sein, an dessen Ende die Schüler fit für Günter Jauch sind und verstanden haben, dass die DDR (mindestens) so schlecht war wie der Nationalsozialismus. Mir wäre das für qualifizierten Geschichtsunterricht nicht nur zu wenig, sondern der völlig verkehrte Ansatz.

Mein Sohn geht übrigens auf eine Oberhausener Gesamtschule, und ich habe den begründeten Eindruck, dass er bisher mehr im Fach Geschichte gelernt hat, als die Studie überhaupt erfasst.

Inzwischen haben auch andere Zeitungen und Nachrichtenportale die Studie thematisiert. Hier zeigen sich dann auch andere Aspekte, die die NRZ/WAZ offenbar übersehen hat.
Unter der Überschrift „Große Schüler-Befragung – Hitler oder Honecker? Mir doch egal!“ schreibt Spiege-Online, die Studie belege, „dass Geschichtsunterricht mehr leisten muss, ‚als nur Fakten aneinander zu reihen oder die ‚richtige Gesinnung‘ zu vermitteln'“. Die NRZ/WAZ-Berichterstattung vermittelt aber genau dies.
Und in der Süddeutschen-Online heißt es in dem Artikel „Schüler wissen wenig über deutsche Geschichte“: „generelles Interesse an Geschichte haben alle geäußert“, aber die Schulen würden dies nicht genügend aufgreifen. Dann geht es um einen Aspekt, der in der NRZ/WAZ überhaupt nicht vorkommt: den Besuch von Gedenkstätten, der wenig wenig brächte, wenn es an Vor- und Nachbereitung mangele. Dem kann man zweifelsohne rundum zustimmen.

Die Frage aber bleibt, sind solcherart Fragen geeignet, bei Schülern das Verständnis von Geschichte und das Wissen um Geschichte zu erfassen? Viel Wirbel um eine durchaus fragwürdige Untersuchung.

Ich bleibe dabei:

Ich bin schockiert!

Und gleich noch einen Nachtrag. Hier gibt es die offizielle Seite der FU Berlin zu der Studie vom Juni d. J. mit weiteren Links (Zusammenfassung, Grafiken und Verlags-Link): „Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen“. Sowie die Pressemeldung der Uni: „Studie: Schüler halten Demokratien und Diktaturen für gleichwertig“.

 

Und dazu noch die Pressemeldung der Bundesregierung: „Kulturstaatsminister Bernd Neumann: Jugendlichen muss Zeitgeschichte verstärkt nähergebracht werden.“

Übrigens hat sich bereits im Juni, als die Studie das erste Mal durch die Presse ging, Daniel Bernsen auf seinem Blog „Medien im Geschichtsunterricht“ zu dem Thema geäußert. Auch die Kommentare sind lesenswert.

Nachtrag: Einen Tag später (9. August) veröffentlichte die NRZ noch einen ergänzenden Beitrag zur Situation in Oberhausen: „Eine bedenkliche Entwicklung“.

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