{"id":867,"date":"2011-02-02T17:31:26","date_gmt":"2011-02-02T16:31:26","guid":{"rendered":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/?p=867"},"modified":"2011-08-29T13:25:59","modified_gmt":"2011-08-29T12:25:59","slug":"impressionen-von-der-neugestalten-gedenkhalle-schloss-oberhausen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2011\/02\/02\/impressionen-von-der-neugestalten-gedenkhalle-schloss-oberhausen\/","title":{"rendered":"Impressionen von der neugestalten Gedenkhalle Schloss Oberhausen"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe auf die <strong>Wiederer\u00f6ffnung der Gedenkhalle Schloss Oberhausen<\/strong> ja bereits hingewiesen (nachzulesen <a href=\"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2010\/12\/13\/gedenkhalle-oberhausen-wieder-eroffnet\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>). Im Januar hatte ich auch die Gelegenheit, die Gedenkhalle zu besuchen.<\/p>\n<p>Optisch ist die <strong>Gestaltung der Gedenkhalle<\/strong> durchaus gelungen. Farblich ganz in wei\u00df gehalten, wovon sich nur die schwarze Schrift absetzt, und ausschlie\u00dflich in schlichten kubischen Formen gestaltet, wird der Besucher nicht abgelenkt, sondern geradezu gezwungen, sich mit dem Inhalt der Ausstellung zu besch\u00e4ftigen. Das Foto, das in derwesten anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung ver\u00f6ffentlicht wurde, gibt hiervon einen guten Eindruck wieder:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/staedte\/oberhausen\/Oberhausener-Gedenkhalle-nach-Umbau-wiedereroeffnet-id4051438.html#derwestenRSS\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.derwesten.de\/img\/4051436-527275388\/0273_543_Ordnungsdezernent-der-Stadt-Oberhausen-Frank-543x199.jpg\" alt=\"Quelle: DerWesten.de\" width=\"500\" height=\"183\" \/><\/a><\/p>\n<p>(Quelle: derwesten.de)<\/p>\n<p>Der <strong>Eingangsbereich der Gedenkhalle<\/strong> widmet sich der Geschichte der Gedenkst\u00e4tte. Dies ist keine &#8222;Selbstbeweihr\u00e4ucherung&#8220;, sondern begr\u00fcndet in der Sache. Die Oberhausener Gedenkhalle wurde bereits 1962 errichtet und ist damit &#8222;die nachweislich erste Kommune, die zu diesem fr\u00fchen Zeitpunkt eine Gedenkst\u00e4tte zum Nationalsozialismus in Westdeutschland einrichtete. Damit schuf sie lange vor der westdeutschen Gedenkst\u00e4ttenbewegung der 1980er Jahre einen f\u00fcr die damalige Zeit einmaligen Ort.&#8220; (aus: <a href=\"http:\/\/www.oberhausen.de\/0C55D6E32BA54E0990194C6D5FE7992C.php\" target=\"_blank\">Neue Dauerausstellung der Gedenkhalle Oberhausen<\/a>)<\/p>\n<p>Im <strong>Hauptraum<\/strong> befindet sich die eigentliche Ausstellung. Architektonisch wurde eine anspruchsvolle L\u00f6sung gew\u00e4hlt, denn nicht einzelne Vitrinen oder an den W\u00e4nden aufgeh\u00e4ngte Texttfafeln findet der Besucher vor, sondern einen rechteckigen, h\u00f6lzeneren Einbau mit unregelm\u00e4\u00dfiger Oberfl\u00e4chenstruktur. Der Innenbreich dieses Karr\u00e9es ist nur durch einen schmalen Zugang zu betreten. In die W\u00e4nde dieses Karrees sind Texttafeln, Exponate (hinter Glas) und Bildschirme f\u00fcr Videopr\u00e4sentationen eingelassen. Mittels Schubladen kann der Betrachter zus\u00e4tzliche Informationen und Dokumente bei Bedarf herausziehen.<\/p>\n<p>Im <strong>Umlauf<\/strong> wird die NS-Geschichte der Stadt Oberhausen unter verschiedenen Themenaspekten dargestellt: Macht\u00fcbernahme, Gleichschaltung und Widerstand (Katholiken, Zeugen Jehovas, Evangelisch-bekennende Kirche, aber relativ wenig sozialdemokratischer\/kommunistischer Widerstand), die Situation der Oberhausener Juden 1933, die Situation der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung w\u00e4hrend des Krieges usw. Insgesamt folgt die Ausstellung einem chronologischen Aufbau, der von 1933 bis zum Ende des Krieges und dar\u00fcber hinaus zu den ersten Monaten der Besatzungszeit f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die <strong>Realisierung der Ausstellung<\/strong> macht es dem Betrachter leicht, sich dieser Thematik zu widmen. Zwar ist die Ausstellung sehr textlastig, aber es ist gelungen, die jeweilige Darstellung nicht einfach nur mit Fotos, Faksimiles und einzelnen Exponaten zu illustrieren, sondern einen inhaltlichen Bezug zwischen diesen Elementen herzustellen. Die Texte sind leicht verst\u00e4ndlich geschrieben. <strong>Klassische Ausstellungsobjekte<\/strong> gibt es nur wenige. Diese erzielen aber eine umso gr\u00f6\u00dfere Wirkung im Zusammenspiel mit den Texten.<br \/>\nSehr hilfreich ist auch der <strong>Einsatz neuer Medien<\/strong>. So k\u00f6nnen mehrfach in der Ausstellungen Interviews von Zeitzeugen an Monitoren, die sich wie die anderen Elemente in die Ausstellungswand einf\u00fcgen, abgerufen werden. Wahlweise in deutsch oder englischer \u00dcbersetzung erz\u00e4hlen beispielsweise ehemalige Zwangsarbeiter, Oberhausener Juden, widerst\u00e4ndige Katholiken usw. von ihren Erlebnissen in der NS-Zeit. Das Ganze erinnert an die vielen Geschichtsdokus im Fernsehen, in denen auf dieses Stilmittel meist ausgiebig zur\u00fcck gegriffen wird. Auf diese Weise werden morderne Sehgewohnheiten aufgegriffen und f\u00fcr das Medium Ausstellung genutzt.<br \/>\nDas Element der <strong>Schubladen<\/strong>, die aus dem Ausstellungskorpus herausgezogen werden k\u00f6nnen und vertiefende, meist Schriftdokumente enthalten, macht zugleich sinnhaft deutlich, dass viele Quellen f\u00fcr diese Ausstellung buchst\u00e4blich bei den B\u00fcrgern zu Hause aus den Schubladen hervorgeholt wurden. In einem <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/staedte\/oberhausen\/Gedenkhalle-zeigt-nach-Umbau-neue-Ausstellung-id4001584.html\" target=\"_blank\">Bericht auf derwesten.de<\/a> hie\u00df es im Vorfeld der Ausstellungser\u00f6ffnung:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;B\u00fcrger wurden aufgefordert, der Ausstellung pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde aus der Zeit des Nationalsozialismus zur Verf\u00fcgung zu stellen. Auch in der WAZ-Redaktion hatten zahlreiche Leser Exponate abgegeben. Der Leiter der Gedenkhalle, Clemens Heinrichs, war \u00fcber die Resonanz \u00fcberrascht: \u201eWir haben deutlich mehr St\u00fccke erhalten, als wir in die Ausstellung einbauen konnten.\u201c Kleine Sch\u00e4tze waren dabei: Abzeichen, Briefe und Dokumente.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Wenn man das Karree umschritten hat, zieht die Neugier den Besucher in <strong>das Innere<\/strong>, in das man allerdings nur durch eine relativ schmale \u00d6ffnung gelangt. W\u00e4hrend auf der Au\u00dfenseite die NS-Geschichte Oberhausens unter den verschiedensten Aspekten beleuchtet wird, ist der Innenbereich ausschlie\u00dfelich dem Thema <strong>&#8222;Zwangsarbeit&#8220;<\/strong> gewidmet.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Das Thema \u201eZwangsarbeit\u201c geh\u00f6rt als integraler Bestandteil der Kriegsgeschichte zur Industriestadt Oberhausen, in der Zehntausende Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter t\u00e4tig und im Stadtbild pr\u00e4sent waren und \u00fcber 1.200 von ihnen starben.&#8220; (aus: <a href=\"http:\/\/www.oberhausen.de\/0C55D6E32BA54E0990194C6D5FE7992C.php\" target=\"_blank\">Neue Dauerausstellung der Gedenkhalle Oberhausen<\/a>)<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ausf\u00fchrlich wird dargestellt, woher die Zwangsarbeiter, die in Oberhausen arbeiten mussten, kamen, unter welchen Umst\u00e4nden sie lebten und vor allem, wo in Oberhausen sie lebten. Herzst\u00fcck ist hierbei ein <strong>digitalisierter Stadtplan<\/strong>, auf dem an einem gro\u00dfen Touchscreen aller Zwangsarbeiterlager Oberhausens verzeichnet sind. Oberhausener Besucher der Ausstellung k\u00f6nnen m\u00fchelos solche Lager in ihrem Stadtteil finden und machen sicher so manche \u00fcberraschende Entdeckung, wenn z. B. Gastst\u00e4tten, die heute noch existieren, zu Zwangsarbeiterlagern umfunktioniert worden waren.<br \/>\nWeiterhin ist in der Ausstellung eine <strong>Datenbank der NS-Opfer aus Oberhausen <\/strong>abrufbar, die in Zukunft jederzeit erweitert und aktualisiert werden kann. Sie kann nach Namen oder Adressen durchsucht werden und stellt so ebenfalls f\u00fcr den Besucher einen direkten Bezug zur eigenen Lebenswelt dar, beispielsweise durch die naheliegende Frage: Haben auch in meiner Stra\u00dfe oder Nachbarschaft Menschen gewohnt, die in der NS-Zeit verfolgt worden waren?<\/p>\n<p>Wie gesagt ist das Konzept der Ausstellung sehr dezent. Dazu geh\u00f6rt auch die Aufsicht, die unauff\u00e4llig im Hintergrund blieb, mir aber unaufgefordert einen Kopfh\u00f6rer reichte, als ich vor der ersten Videopr\u00e4sentation stand. Die Monitore sind jeweils mit vier Audio-Ausg\u00e4ngen versehen, so dass Kleinstgruppen gemeinsam die jeweiligen Beitr\u00e4ge sich ansehen k\u00f6nnen. F\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Gruppen bedarf es ggf. eines Lautsprechers.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick erinnert die Ausstellung konzeptionell an Modelle der 70er Jahre, wobei auf Inszenierungen vollst\u00e4ndig verzichtet wurde, wenn man nicht die Gesamtpr\u00e4sentation als eigenst\u00e4ndige Art der Geschichts-Inszenierung bezeichnen will. Stattdessen wurden die heute dem geschichtsinteressierten Betrachter vertrauten Mittel des Video-Interviews von Zeitzeugen und des interaktiven Computereinsatzes verwendet. Auf diese Weise und durch die mittels der Schubladen und dem relativ versteckten Innenraum geweckte Neugier des Besuchers wird verhindert, dass die Pr\u00e4sentation mit der Zeit dr\u00f6ge wird.<br \/>\nDie optisch ansprechende Schwarz-Wei\u00df-Gestaltung der Ausstellung scheint mir auf lange Sicht aber anf\u00e4llig f\u00fcr Graffiti aller Art oder auch Verschmutzung durch hoffentlich regen Besuch. Ob es der Stadt gelingt zu verhindern, dass die Ausstellung in der Gedenkhalle im Laufe der Zeit ihre so ansprechende Wirkung verliert und statt dessen &#8222;schmuddelig&#8220; wird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen angemessenen Rundgang durch die Ausstellung sollte man 45 bis 60 Minuten veranschlagen, will man sich alle Interviews und Videoclips ansehen, wird man sicher weitere 30 Minuten zulegen m\u00fcssen. Zumindest f\u00fcr \u00e4ltere Besucher d\u00fcrfte dies mangels Sitzgelegenheiten allerdings kaum realisierbar sein (die St\u00fchle auf dem obigen Foto standen wohl nur zur Ausstellungser\u00f6ffnung bereit, bei meinem Besuch waren keine vorhanden).<\/p>\n<p>Der Eintritt ist frei, die \u00d6ffnungszeiten und angebotene kostenlose F\u00fchrungen kann man der <a href=\"http:\/\/www.oberhausen.de\/0C55D6E32BA54E0990194C6D5FE7992C.php\" target=\"_blank\">Homepage der Stadt Oberhausen<\/a> bzw. der einschl\u00e4gigen Seite des <a href=\"http:\/\/www.ns-gedenkstaetten.de\/nrw\/oberhausen\/besucherinformationen.html\" target=\"_blank\">Arbeitskreises der NS-Gedenkst\u00e4tten in NRW<\/a> entnehmen.<\/p>\n<p><strong>Quintessenz:<\/strong> Es lohnt sich auf jeden Fall, diese Ausstellung zu besuchen. F\u00fcr Oberhausener ist es eine sehr gute Einf\u00fchrung in die NS-Geschichte ihrer Heimatstadt, die ggf. durch weiterf\u00fchrende Literatur vertieft werden kann. Da es zu der Ausstellung kein Begleitheft gibt, w\u00e4re eine Literaturliste zum Mitnehmen sicher eine n\u00fctzliche Erg\u00e4nzung f\u00fcr die Besucher.<br \/>\nDa das Thema &#8222;Zwangsarbeit&#8220; einer der Hauptthemenschwerpunkte darstellt, ist die Ausstellung auch unter einem \u00fcber\u00f6rtlichen Gesichtspunkt sehenswert. Vieles, was hier am Beispiel Oberhausens aufgezeigt wird, gilt ohne Abstriche f\u00fcr die anderen Ruhrgebietsst\u00e4dte und dar\u00fcber hinaus. Ich w\u00fcnsche jedenfalls der Gedenkhalle viele interessierte Besucher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe auf die Wiederer\u00f6ffnung der Gedenkhalle Schloss Oberhausen ja bereits hingewiesen (nachzulesen hier). Im Januar hatte ich auch die Gelegenheit, die Gedenkhalle zu besuchen. Optisch ist die Gestaltung der Gedenkhalle durchaus gelungen. 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