{"id":673,"date":"2010-12-30T10:30:05","date_gmt":"2010-12-30T09:30:05","guid":{"rendered":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/?p=673"},"modified":"2010-12-28T16:47:03","modified_gmt":"2010-12-28T15:47:03","slug":"silvester-%e2%80%93-neujahr-%e2%80%93-jahreswechsel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2010\/12\/30\/silvester-%e2%80%93-neujahr-%e2%80%93-jahreswechsel\/","title":{"rendered":"Silvester \u2013 Neujahr \u2013 Jahreswechsel"},"content":{"rendered":"<div>\n<p>Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Eine Woche nach Heiligabend folgt der letzte Tag des Jahres, der nach seinem Tagesheiligen einfach Silvester genannt wird. Dass der Jahreswechsel zwischen dem 31. Dezember und 1. Januar erfolgt, ist dabei alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, ja nicht einmal besonders logisch. Denn wir z\u00e4hlen die Jahre bekanntlich (wenn auch etwas unpr\u00e4zise) &#8222;vor Christi Geburt&#8220; und &#8222;nach Christi Geburt&#8220;. Dieser Geburtstag wird aber nunmal am 25. Dezember gefeiert, so dass es eigentlich zu erwarten w\u00e4re, dass dieses Datum zugleich der Neujahrstag sein sollte. Aber nicht einmal im Kirchenjahr ist der 25. Dezember der Neujahrstag, das ist vielmehr der 1. Advent; und dieses Datum ist bekanntlich nicht einmal fix, so dass die Kirchenjahre unterschiedlich lang sind. Was uns im Alltag also eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist, stellt sich bei n\u00e4herer Betrachtung als durchaus nicht einfach dar. Und zumindest jeder Medi\u00e4vist steht, sobald er sich mit der Datierung von mittelalterlichen Urkunden oder anderen Quellen befassen muss, vor dem Problem der <strong>Zeitrechnung<\/strong>.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/5e\/De_Kain-Kalender_1912_05.jpg\"><\/a><\/p>\n<div style=\"width: 497px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/5e\/De_Kain-Kalender_1912_05.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"    \" title=\"Erich M\u00fchsam, Kain-Kalender f\u00fcr das Jahr 1912 (Lizenz: frei)\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/5\/5e\/De_Kain-Kalender_1912_05.jpg\" alt=\"Erich M\u00fchsam, Kain-Kalender f\u00fcr das Jahr 1912 (Lizenz: frei)\" width=\"487\" height=\"648\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Erich M\u00fchsam, Kain-Kalender f\u00fcr das Jahr 1912 (Lizenz: frei)<\/p><\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Die Menschen haben seit jeher versucht, den Lauf der Zeit zu gliedern, um so leichter und genauer sich an wichtige Ereignisse zu erinnern (z. B. die Inthronisation eines Herrschers) oder Verwaltungsvorg\u00e4nge zu erm\u00f6glichen (z. B. Steuerzahlungen an regelm\u00e4\u00dfig wiederkehrenden Terminen oder F\u00e4lligkeiten von Vertragsleistungen). Daher gehen in vielen Kulturen die ersten Jahresz\u00e4hlungen mit den <strong>Regierungsjahren der Herrscher<\/strong> einher. So hei\u00dft es oft in den Quellen: &#8222;Im soundsovielsten Jahr der Herrschaft von K\u00f6nig soundso \u2026&#8220;. Einerseits r\u00fcckte dies den jeweiligen Herrscher in den Mittelpunkt der Zeitrechnung und dr\u00fcckte so seine herausragende gesellschaftliche Stellung in eindr\u00fccklicher Weise aus, andererseits war diese Z\u00e4hlweise recht unpraktisch, vor allem wenn sich die Herrscherwechsel h\u00e4uften. Die R\u00f6mer hatten eine andere Z\u00e4hlweise eingef\u00fchrt, die von einzelnen Herrschern unabh\u00e4nig war. Sie z\u00e4hlten die <strong>Jahre vom Zeitpunkt der Gr\u00fcndung der Stadt Rom<\/strong> an, <em>&#8222;ab urbe condita&#8220;<\/em>. Dieses Datum ist zwar legend\u00e4r, gleichwohl fix datiert, nach unserer Z\u00e4hlweise das Jahr 752 v. Chr. Diese r\u00f6mische Z\u00e4hlweise hielt \u00fcber das Ende des r\u00f6mischen Reiches hinaus sich bis weit ins Mittelalter und taucht in den Quellen meist zus\u00e4tzlich zu anderen Jahresz\u00e4hlungen auf.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Eine weitere wichtige Jahresz\u00e4hlung im r\u00f6mischen Reich war die nach den Regierungszeiten der Consuln, die <strong>Konsulatsjahre<\/strong>. W\u00e4hrend diese Z\u00e4hlung den Untergang des r\u00f6mischen Reiches nicht lange \u00fcberdauerte, wurde die Z\u00e4hlung der (r\u00f6mischen) <strong>Kaiserjahre<\/strong> im Mittelalter nach der Kr\u00f6nung Karls des Gro\u00dfen weitergef\u00fchrt. Hinzu kam die Z\u00e4hlung der jeweiligen <strong>Papstjahre<\/strong>.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Eine andere, in der Antike \u00fcbliche Z\u00e4hlweise war die <strong>Olympiade<\/strong>. Wir verwenden diesen Begriff heute meist f\u00fcr die vierzehnt\u00e4tigen Sportwettk\u00e4mpfe, die alle vier Jahre stattfinden. Eigentlich meint &#8222;Olympiade&#8220; aber den Vierjahreszeitraum zwischen diesen Sportwettk\u00e4mpfen. Ausgangspunkt dieses Zyklus war die Sommersonnenwende des Jahres 776 v. Chr. Folglich befinden wir uns \u2013 wenn ich mich nicht verrechnet habe \u2013 gerade im 3. Jahr der 696 Olympiade. Auch diese Z\u00e4hlung wurde im Mittelalter, wenn auch selten, verwendet.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Eine mittelalterliche Urkundendatierung kann dann z. B. so aussehen:<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p style=\"padding-left: 30px; text-align: center;\"><em>&#8222;Gegeben an den 2. Iden des Oktobers im Jahre des Vers\u00f6hners Christus, im 16. Jahre des Kaiserreichs des Herrn Ludwig, \u2026 , im 8. Jahre der Herrschaft Lothars, in der 8. Indiktion\u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Ich habe dieses Beispiel einer Urkunde Ludwigs des Frommen auf dem <a href=\"http:\/\/www.tribur.de\/blog\/?p=10164\" target=\"_blank\">Blog tribur.de<\/a> gefunden, wo die kryptische Datierung auch aufgel\u00f6st wird (zumindest soweit dies m\u00f6glich ist). Zugleich wird deutlich, wie kompliziert und teilweise auch widerspr\u00fcchlich solche Datierungen sein k\u00f6nnen. Da es sich um die erste Erw\u00e4hnung Treburs (bei Gro\u00df-Gerau\/Hessen) handelt, ist die Datierung f\u00fcr die Ortsgeschichte nat\u00fcrlich von gro\u00dfer Bedeutung.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Man sieht, die Zeitrechnung ist f\u00fcr einen Mediavisten nicht nur ein notwendiges \u00dcbel, womit man sich befassen muss, wenn man ein historisches Dokument korrekt erfassen will, sondern eine eigene Hilfswissenschaft.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Es gab noch viele weitere Jahresz\u00e4hlungen, die im Einzelfall ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen, hier aber nichts zur Sache tun. Und dass das Ph\u00e4nomen unterschiedlicher Jahresz\u00e4hlungen nicht nur ein mittelalterliches ist, zeigt der <strong>Revolutionskalender<\/strong>. Dieser wurde w\u00e4hrend der Franz\u00f6sischen Revolution eingef\u00fchrt, als rationales Gegenst\u00fcck zum bestehenden Kalender. In diesem Kalender hatte das Jahr 12 Monate zu 30 Tagen. Statt der siebent\u00e4gigen Wochen bestand jeder Monat aus 3 Dekaden (10 Tagen). Dazu kamen f\u00fcnf (in Schaltjahren sechs) Erg\u00e4nzungstage. Die Dekadentage wurden r\u00f6misch (&#8222;Primidi&#8220;, &#8222;Duodi&#8220; usw.) gez\u00e4hlt, die Monate erhielten neue Namen. Auch die Zeiteinteilung der Tage wurde &#8222;revolutioniert&#8220;. Der Tag bestand in diesem Kalender aus 10 Stunden zu je 100 Minuten, die Minuten aus 100 Sekunden. Dieser Kalender galt vom 22. September 1792 bis zum 31. Dezember 1805, ab dem 1. Januar 1806 wurde der gregorianische Kalender wieder eingef\u00fchrt. Nun k\u00f6nnte man sagen, das ist halt eine Fu\u00dfnote der franz\u00f6sischen Geschichte, aber in diese Zeitspanne fiel auch die Errichtung des Rhein-Mosel-D\u00e9partements (1798) in den deutschen Territorien westlich des Rheins, so dass dieser Kalender auch einige Jahre in Deutschland galt.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Wer sich n\u00e4her mit diesen Fragen befassen m\u00f6chte, der sei auf den Klassiker von Hermann Grotefend: Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit (Hannover 14. Aufl. 2007) verwiesen. Im Internet kann die gro\u00dfe Ausgabe des &#8222;Grotefend&#8220; abgerufen werden: <a href=\"http:\/\/www.manuscripta-mediaevalia.de\/gaeste\/grotefend\/grotefend.htm\" target=\"_blank\">Zeitrechnung des Deutschen Mittelalters und der Neuzeit. HTML-Version von Dr. H. Ruth.<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Doch nun zur\u00fcck zum <strong>Jahreswechsel zwischen dem 31. Dezember und dem 1. Januar<\/strong>. Wie gesehen, gab es in der Vergangenheit eine Vielzahl von Jahresz\u00e4hlungen und auch eine Vielzahl von Jahresanf\u00e4ngen. F\u00fcr das Mittelalter sind sechs <strong>verschiedene Jahresanf\u00e4nge<\/strong> durchaus \u00fcblich, die je nach Region und Zeit f\u00fcr den Historiker zu ber\u00fccksichtigen sind. Neben unserem 1. Januar sind dies der 1. M\u00e4rz, der 25. M\u00e4rz, Ostern, der 1. September und schlie\u00dflich der 25. Dezember, also Weihnachten. Hinzu kam oft auch der 6. Januar, Epiphanias, als Neujahrstag.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Der 1. Januar als Jahresanfang hat seinen Ursprung im antiken Rom. Im Jahre 153 v. Chr. wurden die erw\u00e4hnten Konsulatsjahre eingef\u00fcgt. Da die Amtszeit der Konsuln immer am 1. Januar begannen, wurde auch die Jahresz\u00e4hlung mit diesem Datum begonnen. Vorher war der 1. M\u00e4rz als Jahresbeginn \u00fcblich, was noch in unseren Monatsnamen &#8222;September&#8220;, &#8222;Oktober&#8220;, &#8222;November&#8220; und &#8222;Dezember&#8220; erhalten geblieben ist, denn sie bedeuten ja &#8222;siebter Monat&#8220;, &#8222;achter Monat&#8220;, &#8222;neunter Monat&#8220; und &#8222;zehnter Monat&#8220;, was sich auf einen Jahresbeginn am 1. M\u00e4rz bezieht. Gleichwohl setzte sich dieser Jahresbeginn nur sehr langsam gegen seine &#8222;Konkurrenten&#8220; durch. In Westeuropa wird er ab dem 13. Jahrhundert h\u00e4ufiger. Im 16. Jahrhundert setzte dieses Datum sich dann immer mehr durch und wurde schlie\u00dflich mit der <strong>gregorianischen Kalenderreform<\/strong> (benannt nach Papst Gregor XIII.) von 1582 quasi amtlich als Neujahrstag eingef\u00fchrt. Dabei dauerte es immer noch recht lange, bis sich der 1. Januar \u00fcberall durchgesetzt hatte bzw. durchgesetzt wurde. So wurde der 1. Januar in Schottland erst 1600, in der Toskana 1721 und in England und seinen Kolonien 1752 zum Neujahrstag erkoren (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gregorianischer_Kalender#Jahresbeginn\" target=\"_blank\">Quelle<\/a>).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Aus dieser lange existierenden &#8222;Unsch\u00e4rfe&#8220; der Jahresanf\u00e4nge resultiert auch der noch heute g\u00e4ngige Ausdruck <strong>&#8222;zwischen den Jahren&#8220;<\/strong> f\u00fcr die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Hier spiegelt sich noch die Erinnerung, dass je nach Territorium das Jahr schon am 25. Dezember, andernorts am 1. Januar oder gar erst am 6. Januar begann. Die Tage dazwischen liegen eben &#8222;zwischen den Jahren&#8220;.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p>Bleibt noch die Frage, wieso hei\u00dft der letzte Tag des Jahres <strong>&#8222;Silvester&#8220;<\/strong>? Ganz einfach: Der 31. Dezember ist der Todestag des Papstes Silvester I., der von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt wird. Sein Todestag ist wie bei den meisten Heiligen zugleich sein liturgischer Ged\u00e4chtnistag. Der Vortag des 1. Januar ist daher diesem Papst Silvester gewidmet und wird umgangssprachlich nach ihm benannt.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<div style=\"width: 155px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/d0\/Sylvester_I.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Papst Silvester I. (Lizenz: frei)\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/d0\/Sylvester_I.jpg\" alt=\"Papst Silvester I. (Lizenz: frei)\" width=\"145\" height=\"203\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Papst Silvester I. (Lizenz: frei)<\/p><\/div>\n<\/div>\n<div>\n<p>Man k\u00f6nnte jetzt noch viel zum ganzen Silvester- und Neujahrsbrauchtum schreiben, aber der Artikel ist sicher schon lang genug. Au\u00dferdem will ich ja auch n\u00e4chstes Jahr noch was zu Silvester sagen k\u00f6nnen. \ud83d\ude09<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><strong>Lange Rede, kurzer Sinn.<\/strong> Der 1. Januar ist als Neujahrstag schon sehr alt, stand aber lange Zeit in Konkurrenz zu anderen Neujahrstagen. Erst im Laufe des Mittelalters hat er sich durchgesetzt und wurde mit der Einf\u00fchrung des gregorianischen Kalenders zum unumstrittenen Neujahrstag der (westlichen) Welt.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Eine Woche nach Heiligabend folgt der letzte Tag des Jahres, der nach seinem Tagesheiligen einfach Silvester genannt wird. Dass der Jahreswechsel zwischen dem 31. Dezember und 1. Januar erfolgt, ist dabei alles andere als selbstverst\u00e4ndlich, ja nicht einmal besonders logisch. 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