{"id":4431,"date":"2018-12-02T12:00:37","date_gmt":"2018-12-02T11:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/?p=4431"},"modified":"2018-11-30T12:21:21","modified_gmt":"2018-11-30T11:21:21","slug":"rezension-heute-keine-schuesse-berlin-in-der-weimarer-republik-von-brigitte-kraechan","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2018\/12\/02\/rezension-heute-keine-schuesse-berlin-in-der-weimarer-republik-von-brigitte-kraechan\/","title":{"rendered":"Rezension \u201eHeute keine Sch\u00fcsse \u2013 Berlin in der Weimarer Republik\u201c von Brigitte Kr\u00e4chan"},"content":{"rendered":"<p>In letzter Zeit ergeben sich immer wieder einmal Rezensionsanfragen, denen ich, so es meine Zeit zul\u00e4sst, gerne nachkomme.<br \/>\nNach den <a href=\"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2018\/07\/13\/die-totengraeber-der-letzte-winter-der-weimarer-republik-eine-rezension\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eTotengr\u00e4bern\u201c<\/a> gilt es heute ein \u00e4hnliches Buch zu besprechen. Es handelt sich um <em>\u201eHeute Keine Sch\u00fcsse \u2013 Berlin in der Weimarer Republik\u201c<\/em> von Brigitte Kr\u00e4chan.<\/p>\n<p>Das Thema ist ja hoch aktuell wegen des 100. Jahrestages des Ende des Ersten Weltkriegs und dem immer wieder in politischen Kommentaren verwendeten Vergleich der Weimarer Republik und der heutigen Bundesrepublik. Zuletzt hat die erfolgreiche Fernsehserie Babylon Berlin dieses Thema breitenwirksam aufgegriffen.<\/p>\n<p>Mit <em>\u201eHeute Keine Sch\u00fcsse \u2013 Berlin in der Weimarer Republik\u201c<\/em> h\u00e4lt der Leser das Tagebuch des fiktiven Walter Schachtschneider in den H\u00e4nden, eines Industriellensohnes vom Rand des Ruhrgebiets, der 1914 in Berlin an der Kunstakademie studiert, als der Erste Weltkrieg ausbricht. Im Sommer 1915 in Frankreich verwundet, kehrt er aus dem Krieg zur\u00fcck, nimmt sein Studium aber nicht wieder auf und tritt statt dessen eine Stelle in der fiktiven Kunstgalerie Radke in Berlin an. Die folgenden Jahre der Weimarer Republik begleitet er in Tagebuchform ganz bewusst als distanzierter Beobachter.<br \/>\nDiese passive Beobachterrolle der Hauptperson ist nicht nur im Blick auf die Geschichtsdarstellung gew\u00e4hlt, sondern entspricht vollkommen der Romanpers\u00f6nlichkeit, die sich in ihrem privaten Leben als unentschlossen und ziellos darstellt. Seine berufliche Stellung in der fiktiven Kunsthandlung Radke ver\u00e4ndert sich in den knapp zwanzig Jahren nicht, er bleibt der Gehilfe des Inhabers. Einerseits gesch\u00e4tzt, andererseits bei allen wichtigen gesch\u00e4ftlichen Fragen \u00fcbergangen. Walter Schatzschneider aber fehlt der Mut, sich beruflich zu ver\u00e4ndern. Auch sein Vater \u00fcbergeht ihn und \u00fcbergibt die Leitung des Familienverlages lieber seinem Schwiegersohn. W\u00e4hrend sein gesamtes Umfeld erwartet, dass er die Tochter seines Arbeitgebers, mit der er die gesamten Jahren \u00fcber freundschaftlich verbunden ist, heiraten w\u00fcrde, lehnt er dies konsequent ab, weil er sie nicht liebe. Zu seiner gro\u00dfen Liebe, eine Prostituierte aus dem sozialen Proletariat Berlins, traut er sich aber erst zu bekennen, nachdem diese an Typhus gestorben ist.<br \/>\nSeine eigene passiv-beobachtende Haltung dr\u00fcckt Schachtschneider in der Bemerkung aus: <em>\u201eWer neutral beobachtet, findet \u00fcberall Schw\u00e4chen und Negatives. Kein Plakat, das w\u00e4hrend der Proteste der letzten Tage durch die Stra\u00dfen von Berlin getragen wurde, fand meine vollkommene Zustimmung. Immer hatte ich ein Bedenken, immer eine Einschr\u00e4nkung, immer gab es einen Umstand, der nicht erkl\u00e4rt wurde.\u201c<\/em> (Tagebucheintrag \u201e30.11.1918, Sonnabend\u201c)<br \/>\nOder an anderer Stelle: <em>\u201eAlso schwieg ich. Besser war es, nicht zu handeln, als das Falsche zu tun.\u201c<\/em> (Tagebucheintrag \u201e14.06.1925, Sonntag\u201c)<br \/>\nGleichwohl bezieht er (oder sollte man besser sagen: die Verfasserin) immer wieder klar Stellung. So wenn Walter Schachtschneider feststellt: <em>\u201eMan kann in diesen Zeiten nicht neutral sein! K\u00e4mpfe f\u00fcr Ebert! Wenn du an die Demokratie glaubst, k\u00e4mpfe f\u00fcr sie.\u201c<\/em> (Tagebucheintrag \u201e30.04.1919, Mittwoch\u201c)<br \/>\nDabei wei\u00df Walter Schachtschneider seine Kommentare durchaus in pointierte Ironie zu fassen (<em>\u201eAlso stie\u00dfen wir mit einem hervorragenden Franzosen auf den Geburtstag des Kaisers an.\u201c<\/em> \u2013 Tagebucheintrag \u201e27.01.1929, Sonntag\u201c).<\/p>\n<p>Brigitte Kr\u00e4chan hat geschickt die frei erfundene Lebensgeschichte der Familie Schachtschneider in die realen Ereignisse im Deutschland der Weimarer Republik eingebettet, so dass mittels des Stilmittels des Tagebuchs der Leser auf eine Reise durch die Zeit genommen wird. Das Berlin der Jahre 1917 bis 1933 (mit einem gelegentlichen Blick auf Witten, dem Heimatort der Schachtschneiders) wird zum Schauplatz des Romans. Chronologisch berichtet Walter Schachtschneider von den Ereignissen der deutschen und gelegentlich weltpolitischen B\u00fchne. Die Autorin hat beachtlichen Rechercheaufwand betrieben und so ein gelungenes Zeitportr\u00e4t geschaffen, das sich leicht lesen l\u00e4sst, ohne oberfl\u00e4chlich zu scheinen.<br \/>\nZum besseren Verst\u00e4ndnis sind die Romanprotagonisten zu Beginn des Buches in einem Personenverzeichnis aufgef\u00fchrt, am Ende des Buches folgt ein Register der historischen Pers\u00f6nlichkeiten, die im Tagebuch Erw\u00e4hnung finden. Hier w\u00e4ren eine der wenigen Kritikpunkte an dem an sonsten gut lektorierten Buch anzuf\u00fchren. So ist das Register (zumindest in der Amazon-Kindle-Ausgabe, die mir vorliegt) nicht stringent formatiert. Oftmals sind Personen nicht durch Abs\u00e4tze voneinander getrennt (wie es in der Regel der Fall ist), sondern stehen hintereinander weg, was die Nutzung des Registers erschwert. Personen sind stellenweise falsch einsortiert, so erscheint Kaiser Wilhelm II. unter \u201eK\u201c. Unter den aufgef\u00fchrten Personen fehlt au\u00dferdem Friedrich Ebert.<br \/>\nIm Text f\u00e4llt ein ganzer, sinnlos kursivierter Absatz auf (Tagebucheintrag \u201eAhlbeck, M\u00e4rz 1916\u201c). Rechtschreibfehler und Verschreiber sind selten (einmal steht \u201eDDPP\u201c statt \u201eDDP\u201c). Sie tun dem Lesevergn\u00fcgen allerdings keinen Abbruch. Gravierender ist allerdings die fehlende Verlinkung des Inhaltsverzeichnis in der Kindle-Ausgabe, was die Navigation deutlich erschwert.<\/p>\n<p>Inhaltlich sind die im fiktiven Tagebuch aufgef\u00fchrten Fakten gut recherchiert. Die im Text erw\u00e4hnten Zeitungsquellen (in einem eigenen Register noch einmal aufgef\u00fchrt) d\u00fcrften wohl auch die Hauptrecherchequellen der Verfasserin gewesen sein, was angesichts ihrer Menge durchaus bemerkenswert ist. Ein paar erl\u00e4uternde Worte hierzu in einem Vor- oder Nachwort w\u00e4ren w\u00fcnschenswert gewesen.<\/p>\n<p>Immer wieder stolpert man beim Lesen \u00fcber heute weitgehend unbekannte Ereignisse, die aber ein Bild von einer erregten, instabilen und zum Extremen neigenden Zeit vor Augen f\u00fchren. So erf\u00e4hrt man beispielsweise, dass es bereits Jahre vor dem bekannten Reichstagsbrand von 1933 einen Bombenanschlag auf das Geb\u00e4ude gegeben hatte \u2013 ausgef\u00fchrt von der Bauernbewegung \u201eLandvolk\u201c (Tagebucheintrag \u201e02.09.1929, Montag\u201c und \u201e10.09.1929, Dienstag\u201c). Solche Ereignisse ausgegraben zu haben, die das Klima jener Zeit ausdr\u00fccken, ist das Verdienst der Verfasserin.<br \/>\nAls offensichtlicher Fehler w\u00e4re dagegen h\u00f6chsten die Bemerkung festzuhalten, wonach Walters Neffe Paul das Lyzeum in Witten besuchen w\u00fcrde (Tagebucheintrag \u201eWitten, 13.08.1926, Freitag\u201c). Ein Lyzeum ist allerdings eine M\u00e4dchenschule.<br \/>\nEs f\u00e4llt auf, dass das gesamte Thema Kirche und Religion in dem Buch ausgespart werden, was der historischen Bedeutung sicher nicht gerecht wird. Selbst bei der Beerdigung seiner Mutter erw\u00e4hnt Walter Schachtschneider nicht den Trauergottesdienst oder die Predigt. Eine kritische Haltung zum Katholizismus scheint nur bei Walters Vater Bemerkung zu Matthias Erzberger durch, \u00fcber den es hei\u00dft: <em>\u201eDieser Katholik, ohne milit\u00e4rischen Rang, ohne Verm\u00f6gen, ohne Titel hat die Friedensverhandlungen an sich gerissen.\u201c<\/em> (Tagebucheintrag \u201e01.08.1919, Freitag\u201c). Das passt ins Bild, denn der Ort Witten, aus dem die Familie stammt, war seit der Reformation protestantisch, Katholiken bildeten auch in der ersten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts eine kleine Minderheit. So ist davon auszugehen, dass die Familie Schachtschneider ebenfalls protestantischen Glaubens ist.<br \/>\nDie Vorg\u00e4nge um die Reichspr\u00e4sidentenwahl 1925 sind in schriftstellerischer Freiheit vereinfacht dargestellt. Hindenburg trat erst im zweiten Wahlgang an, nachdem das rechtskonservative Lager den Kanidaten des ersten Wahlgangs wegen zu geringer Siegesaussichten zur\u00fcckgezogen hatte. Dies wird in der Tagebuchdarstellung \u00fcbergangen.<br \/>\nIm Zusammenhang des 1. Mai 1933, der als <em>\u201eTag der nationalen Arbeit\u201c<\/em> von der NSDAP gefeiert wurde, vermisst man die Erw\u00e4hnung der anschlie\u00dfend am 2. Mai erfolgten Zerschlagung der Gewerkschaften. Da Walter Schachtschneider ja aus einer konservativen Unternehmerfamilie stammt, h\u00e4tte sich eine Er\u00f6rterung dieses Vorgehens durchaus angeboten.<\/p>\n<p>Diese inhaltlichen Kritikpunkte schm\u00e4lern nicht das Gesamturteil \u00fcber das Werk, das seinen Leser durchaus gefangen nehmen kann und ein emotionales, fiktiv-biografisches Gem\u00e4lde der Weimarer Republik zeichnet. Der Roman bewegt sich geschickt im Spannungsfeld der passiven Beobachterrolle der Hauptfigur und dem durchaus klaren politischen Bekenntnis zu Demokratie und sozialer Gerechtigkeit und deutet hierin auch einen der vielf\u00e4ltigen Gr\u00fcnde f\u00fcr das Scheitern der Weimarer Republik an: die unentschlossene Haltung des liberalen B\u00fcrgertums angesichts der sich in gro\u00dfer Geschwindigkeit ereignenden Ver\u00e4nderungen dieser Zeit.<\/p>\n<p>Leserinnen und Leser m\u00fcssen sich aber bewusst sein, dass die Schilderung aus heutiger Perspektive erfolgt. Unvermeidbar projiziert die Verfasserin gegenw\u00e4rtige Verh\u00e4ltnisse in die Vergangenheit zur\u00fcck. Wenn z. B. Schachtschneider schreibt: <em>\u201eElsa meinte, ich solle ihn [Hitler] nicht untersch\u00e4tzen, er habe so etwas in seiner Haltung und in seinem Blick.\u201c<\/em> (Tagebucheintrag \u201e12.07.1928, Donnerstag\u201c), dann erkl\u00e4rt sich dies erst durch das Wissen um den Ausgang der Geschichte der Weimarer Republik und der NS-Herrschaft. Hier unterscheiden sich Roman und historisches Sachbruch grundlegend. Fiktive Geschichte wirkt wie echt ohne es zu sein, und dies muss den Leserinnen und Lesern immer bewusst bleiben.<\/p>\n<p>Brigitte Kr\u00e4chan, Heute keine Sch\u00fcsse. Berlin in der Weimarer Republik, Hamburg (tredition GmbH) 2018.<br \/>\nISBN Paperback: 978-3-7469-1774-0 (<span id=\"ctl00_ContentUnderTitle_productDetailRightRow_price\">16,99 \u20ac<\/span>)<br \/>\nISBN Hardcover: 978-3-7469-1775-7 (<span id=\"ctl00_ContentUnderTitle_productDetailRightRow_price\">24,99 \u20ac<\/span><br \/>\nISBN e-Book: 978-3-7469-1776-4 (<span id=\"ctl00_ContentUnderTitle_productDetailRightRow_price\">5,99 \u20ac<\/span>)<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/blog.aemaets.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Homepage der Autorin<\/a> mit vielen weiteren Informationen (nicht nur) zum Buch.<\/p>\n<div style=\"width: 206px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"http:\/\/blog.aemaets.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/ebook-196x300.jpg\" width=\"196\" height=\"300\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><em>Brigitte Kr\u00e4chan: Heute keine Sch\u00fcsse. Berlin in der Weimarer Republik.<\/em><\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit ergeben sich immer wieder einmal Rezensionsanfragen, denen ich, so es meine Zeit zul\u00e4sst, gerne nachkomme. Nach den \u201eTotengr\u00e4bern\u201c gilt es heute ein \u00e4hnliches Buch zu besprechen. Es handelt sich um \u201eHeute Keine Sch\u00fcsse \u2013 Berlin in der Weimarer Republik\u201c von Brigitte Kr\u00e4chan. 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