{"id":4364,"date":"2018-07-13T16:40:02","date_gmt":"2018-07-13T14:40:02","guid":{"rendered":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/?p=4364"},"modified":"2018-07-13T16:49:22","modified_gmt":"2018-07-13T14:49:22","slug":"die-totengraeber-der-letzte-winter-der-weimarer-republik-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2018\/07\/13\/die-totengraeber-der-letzte-winter-der-weimarer-republik-eine-rezension\/","title":{"rendered":"\u201eDie Totengr\u00e4ber. Der letzte Winter der Weimarer Republik\u201c \u2013 Eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Heute gibt es wieder einmal eine Rezension auf meinem Blog. Es geht um das Buch <em>\u201eDie Totengr\u00e4ber. Der letzte Winter der Weimarer Republik\u201c<\/em> von R\u00fcdiger Barth und Hauke Friederichs. Erschienen im S. Fischer-Verlag.<br \/>\nDas Thema des rund 400 Seiten starken Buches ist das Ende der Weimarer Republik, das chronologisch Tag f\u00fcr Tag vom 17. November 1932 bis zum 30. Januar 1933 \u2013 dem Tag als Hitler Reichskanzler wurde \u2013 erz\u00e4hlt wird.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist der Aufbau des Buches, der sich offensichtlich an einen Kinofilm anlehnt. So werden zu Beginn die Hauptdarsteller, die <em>Totengr\u00e4ber<\/em> der Weimarer Republik, kurz mit Foto vorgestellt. Es folgt ein zweiseitiger <em>Vorspann<\/em>, der die Ausgangssituation skizziert. Danach werden Tag f\u00fcr Tag die Ereignisse geschildert, die aus Sicht der Verfasser zum Ende der Demokratie gef\u00fchrt haben. Dieser eigentliche \u201eFilm\u201c ist in f\u00fcnf Abschnitte gegliedert: <em>Der Sturz<\/em>, <em>Der Plan<\/em>, <em>Stille Nacht<\/em>, <em>Im Strudel<\/em> und <em>An die Macht<\/em>. Dies geschieht aber nicht erz\u00e4hlerisch, sondern in Form von Szenen, die entweder ganz oder auf Grundlage von Quellen entwickelt werden. In Schnitten, wie man sie aus dem Kino kennt, wird ein Panorama des jeweiligen Tages entworfen, das dem Leser einen Einblick in die Vielschichtigkeit der Ereignisse gibt und ihn in die Dynamik dieser Tage mit hinein nimmt. Eben liest man noch unter dem Datum Donnerstag, 8. Dezember von einem Treffen des Reichspr\u00e4sidenten mit christlichen Gewerkschaftern, dann folgt ein Bericht der Journalistin Bella Fromm von einem Essen beim \u00e4gyptischen Botschafter in Berlin und den dort ge\u00e4u\u00dferten Einsch\u00e4tzungen der G\u00e4ste in Bezug auf eine Kanzlerschaft Hitlers. Schnitt: Hitler besucht das Ehepaar Goebbels. Neuer Schnitt: Nachts entwickelt sich eine Krisenkonferenz der NSDAP-Spitzen, weil es zu innerparteilichen Auseinandersetzungen kommt. Hitlers einziger echter Gegenspieler in der Partei, Gregor Strasser, hat mit einem Paukenschlag alle \u00c4mter niedergelegt und will ins Ausland gehen. Die Partei ist in Aufruhr, hei\u00dft es. Der Eintrag endet: <em>\u201e\u201aWenn die Partei zerf\u00e4llt, mache ich in drei Minuten Schluss\u2018, sagt Hitler zu Goebbels. Und Joseph Goebbels? Der leidet. Nur zwei Stunden Schlaf findet er an diesem Tag.\u201c<\/em> (S. 129\u2013131)<\/p>\n<p>An diesem willk\u00fcrlich herausgegriffenen Beispiel werden St\u00e4rken und Schw\u00e4chen des Buches zugleich deutlich. Faszinierend gelingt es den beiden Autoren, den Leser in die (nicht nur) politischen Prozesse jener Zeit mit hinein zu nehmen. Auf den ersten Seiten werden die wesentlichen Protagonisten eingef\u00fchrt, auf deren Tageb\u00fccher, Lebensbeschreibungen, Autobiografien die Verfasser zur\u00fcck greifen. Da ist die Jouranlisten Bella Fromm. Zu ihrer Person erf\u00e4hrt man bei ihrem ersten Auftreten am 18. November 1931: <em>\u201eBella Fromm, die Frau mit dem koketten Mund und den dunklen Augenbrauen, ist einundvierzig und Gesellschaftsreporterin der Vossischen Zeitung. [\u2026] Journalistin ist Fromm mehr aus Not denn aus Leidenschaft geworden. Sie stammt aus dem j\u00fcdischen Gro\u00dfb\u00fcrgertum, ihre Eltern betreiben einen gutgehenden internationalen Handel mit Weinen von Main und Mosel.\u201c<\/em> Zweimal geschieden musste sie sich nach dem Ersten Weltkrieg eine Arbeit suchen, die ihren gehobenen Lebensstandard finanzierte. <em>\u201eDa sie in der Hauptstadt zur besseren Gesellschaft geh\u00f6rte, begann sie, \u00fcber deren Leben zu schreiben. Seit 1928 ist sie Kolumnistin der Vossischen und Mitarbeiterin der B. Z. und anderer Bl\u00e4tter aus dem Hause Ullstein.\u201c<\/em> (S. 26 f.)<br \/>\nIm <em>Abspann<\/em>, der sich an den geschilderten Hauptteil des Buches anschlie\u00dft, werden alle genannten Personen noch einmal mit einer kurzen Beschreibung ihres weiteren Lebenslaufs aufgef\u00fchrt. So hei\u00dft es dort \u00fcber Bella Fromm: Sie <em>\u201eerh\u00e4lt 1934 Berufsverbot. Vier Jahre sp\u00e4ter verl\u00e4sst sie Deutschland und siedelt in die USA \u00fcber. Sie stirbt 1972, mit einundachtzig Jahren, in New York.\u201c<\/em> (S. 384).<br \/>\nIm Kapitel <em>Quellen und Literatur<\/em>, das dem <em>Abspann<\/em> folgt, findet sich dann die Publikation, aus der die Verfasser ihre Informationen \u00fcber Bella Fromm und die von ihr geschilderten Ereignisse 1932\/33 haben. Es ist die 1993 auf deutsch erschienene Ausgabe ihres bereits 1942 in den USA verfassten Werks <em>\u201eBlood and Banquets\u201c<\/em> mit dem deutschen Titel <em>\u201eAls Hitler mir die Hand k\u00fcsste\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Der Leser muss also mit dem Buch von Barth und Friederichs <strong>arbeiten<\/strong>, wenn er Themen vertiefen m\u00f6chte. Und hier w\u00fcnscht sich der Historiker etwas mehr Distanz der Verfasser zu ihren Quellen. Denn Fromm schrieb ihr Buch \u00fcber ihre Berliner Erlebnisse, als sie sich als Emigrantin in den USA ihren Lebensunterhalt mit T\u00e4tigkeiten wie N\u00e4hen und Kellnern finanzierte. Wikipedia verr\u00e4t, dass sie auf Ratschlag eines Freundes ihre Geschichte in Form eines Tagebuches aufschreiben solle. Quellenkritisch m\u00fcsste also bedacht werden, dass die Form eines Tagebuches eben noch kein Tagebuch ist, wenn die Erinnerungen mit zehnj\u00e4hrigem Abstand niedergeschrieben wurden. In dieser langen Zeit verschwimmen Erinnerungen und sp\u00e4tere Ereignisse wie Schilderungen dritter vermischen sich mit den realen Erlebnissen. Hinzu kommt, dass die Motivation zur Abfassung dieser Memoiren eine pekuni\u00e4re war, was nicht gegen die Verfasserin spricht, was der Leser aber bei der Beurteilung nicht au\u00dfer Acht lassen darf. Der Quellenwert ihres Buches wurde in der Fachwelt daher auch in Zweifel gezogen (vgl. Turner, Jr., Henry Ashby, Two Dubious Third Reich Diaries. In: Central European History 33, 3, 2000, S. 415\u2013422).<br \/>\nDem Quellen- und Literatur-Verzeichnis ist eine kurze Einleitung vorangestellt, in der die Verfasser ihr Vorgehen bei der Auswahl der Quellen erl\u00e4utern. Leider ist es eine sehr kurze Einleitung, die zum Teil weitere Fragen aufwirft. Auch unterscheidet das Verzeichnis tats\u00e4chlich <strong>nicht<\/strong> zwischen Quellen und Literatur. Verwundert stellt man auch das Fehlen durchaus nahe liegender Titel fest, so z. B. das Droste Geschichtskalendarium. Chronik deutscher Zeitgeschichte. Politik \u2013 Wirtschaft \u2013 Kultur von Manfred Overesch und Friedrich Wilhelm Saal (hier relevant Band 1: Die Weimarer Republik, D\u00fcsseldorf: Droste, 1982 und Band 2.1: Das Dritte Reich. 1933-1939, D\u00fcsseldorf: Droste, 1982; auch als digitale Ausgabe erschienen: Manfred Overesch, Friedrich Wilhelm Saal, Deutsche Geschichte von Tag zu Tag 1918 \u2013 1949, Berlin: Directmedia 2000, Digitale Bibliothek Band 39), das ebenfalls Tag f\u00fcr Tag die Ereignisse jener Zeit abzubilden versucht und gut zum Vergleich und zur Erg\u00e4nzung zur parallelen Lekt\u00fcre herangezogen werden kann.<\/p>\n<p>Es folgt ganz im Stile eines Film-Projekt ein <em>Making-of<\/em>. Die Verfasser ziehen ein pers\u00f6nliches Fazit \u00fcber das Buchprojekt und \u00fcber die Endphase der Weimarer Republik. Eine zweiseitige <em>Dank<\/em>sagung schlie\u00dft sich an und eine <em>Chronik<\/em> des behandelten Zeitraums erg\u00e4nzt das Werk.<br \/>\nDas Arbeiten mit dem Buch wird durch ein abschlie\u00dfendes <em>Personenregister<\/em> erleichtert, das es erm\u00f6glicht, sozusagen die Auftritte der Akteure gezielt zu suchen. Dies bietet weitere reizvolle Zug\u00e4nge zu den Geschehnissen und dem Buch. Man kann es nat\u00fcrlich chronologisch von vorne bis hinten lesen. Man kann dann aber auch gezielt das Auftreten, Handeln oder nur Teilhaben bestimmter Personen nachvollziehen. Schlie\u00dflich bietet es sich an, sich im Register auf die Suche zu begeben, welche Personen denn \u00fcberhaupt auftauchen und ggf. auch nicht. Hier stellen sich dann wieder quellenkritische Fragen an die Verfasser, die sie leider im <em>Making-of<\/em> nicht oder nur unzureichend beantworten. Welche Quellen wurden herangezogen, welche nicht? Entspricht die durch diese Auswahl getroffene Gewichtung der Personen ihrer wirklichen Bedeutung? Die am h\u00e4ufigsten auftauchenden Namen wie Hindenburg, Hitler oder Goebbels werden im Personenverzeichnis aus Gr\u00fcnden der Handhabbarkeit ausgelassen. Dass Goebbels so vorrangig in Erscheinung tritt, mag aber nicht nur seiner prominenten Rolle in diesem Drama geschuldet sein, sondern auch mit seinen edierten Tageb\u00fcchern (Goebbels, Joseph. Die Tageb\u00fccher. Band 2\/III: Oktober 1932 \u2013 M\u00e4rz 1934. Bearbeitet von Angela Hermann, M\u00fcnchen 2006) zu tun haben. Die alte Weisheit <em>\u201eWer schreibt, der bleibt\u201c<\/em> sollte bedacht sein, denn je besser ediert das Quellenmaterial ist, je leichter es zug\u00e4nglich ist, desto gr\u00f6\u00dfer die Wahrscheinlichkeit, dass es verwendet wird.<br \/>\nEbenfalls sehr hilfreich f\u00fcr die Begleitung der Lekt\u00fcre und wenn man so will f\u00fcr das Arbeiten mit dem Buch ist die Karte <em>Berlin im Winter 1932\/33<\/em>, die vorne und hinten die Innenseiten des Einbandes f\u00fcllen und dem Leser eine r\u00e4umliche Orientierung geben.<\/p>\n<p>Leider ist das Arbeiten dann doch nicht immer so einfach. Will man beispielsweise die Quelle hinzuziehen, die den vielen Eintr\u00e4gen des amerikanischen Journalisten Abraham Plotkin zugrunde liegt, der 1932\/33 Deutschland bereiste und seine Eindr\u00fccke in einem Tagebuch festgehalten hat, so wird man im Literaturverzeichnis nicht sofort f\u00fcndig. Sein Tagebuch wurde posthum von Catherine Collump und Bruno Groppo im Jahr 2008 ver\u00f6ffentlich und steht, bibliografisch v\u00f6llig korrekt, unter \u201eC\u201c wie Collump verzeichnet. Der interessierte Leser muss also theoretisch das gesamte Literaturverzeichnis nach einem Titel absuchen, der den Namen Plotkin enth\u00e4lt. Dies ist umso bedauerlicher, als die Verfasser laut Personenregister in 44 z. T. mehrseitigen Eintr\u00e4gen auf die Tageb\u00fccher Plotkins zur\u00fcck gegriffen haben.<\/p>\n<p>Dennoch ist das Buch sehr gelungen. Die Atmosph\u00e4re dieser spannungsreichen Zeit wird gut eingefangen und dem Leser vermittelt. Wie in einem echten Film mag dies an manchen Stellen auf Kosten der historischen Genauigkeit und Distanz gehen, aber die Autoren erheben nicht den Anspruch, ein weiteres geschichtswissenschaftliches Werk der bereits vorhanden Vielzahl hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Kann man R\u00fcdiger Barth und Hauke Friederichs Faktenhuberei vorwerfen, also das sinnfreie ansammeln von Fakten und Tatsachen, ohne eine zielf\u00fchrende Fragestellung und Einordnung? Ich denke nicht, denn ihr Ziel ist es, so formulieren sie im <em>Making-Of,<\/em> <em>\u201emit den Mitteln der dokumentarischen Montage [\u2026] die Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen, wenn irgend m\u00f6glich in ihre Gedanken hineinzuschl\u00fcpfen, ohne wissende Kommentare der Nachgeborenen. Ein Drama, das aus sich selbst, aus dem Moment heraus, erz\u00e4hlt.\u201c<\/em> (S. 398) Dass eine solche Methodik immer h\u00f6chst subjektiv ist, versteht sich von selbst. Das Drama dieser Monate dem Leser vor Augen zu f\u00fchren, gelingt aber hervorragend.<br \/>\nErg\u00e4nzend k\u00f6nnte man dem interessierten Leser das bereits erw\u00e4hnte Werk von Overesch\/Saal empfehlen. Und als Fortsetzung bietet sich das (nicht kompilierte) Tagebuch von Victor Klemperer an: Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tageb\u00fccher 1931 \u2013 1945, 2 Bde, Berlin 2. Aufl. 1995 (bzw. in einer handlicheren Form als Auswahl als SPIEGEL-Edition Band 23). Dies um so mehr, als die Klemperer-Tageb\u00fccher tats\u00e4chlich verfilmt wurden.<\/p>\n<p>Trotz der genannten Einschr\u00e4nkungen und kritischen Anmerkungen sind <em>\u201eDie Totengr\u00e4ber\u201c<\/em> ein empfehlenswertes Buch, um sich ein Bild von den letzten Tagen der Weimarer Republik zu machen. Den Verfassern ist v\u00f6llig recht zu geben, wenn sie das Making-of mit der Feststellung schlie\u00dfen: <em>\u201eDie Totengr\u00e4ber h\u00e4tten nicht siegen m\u00fcssen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Barth, R\u00fcdiger; Friederichs, Hauke, Die Totengr\u00e4ber. Der letzte Winter der Weimarer Republik. Frankfurt am Main 2018, 409 Seiten, 24 Euro (gebundene Ausgabe; ISBN: 978-3103973259), 19,99 Euro (Ebook).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute gibt es wieder einmal eine Rezension auf meinem Blog. Es geht um das Buch \u201eDie Totengr\u00e4ber. Der letzte Winter der Weimarer Republik\u201c von R\u00fcdiger Barth und Hauke Friederichs. Erschienen im S. Fischer-Verlag. 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