{"id":4301,"date":"2018-04-14T12:00:40","date_gmt":"2018-04-14T10:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/?p=4301"},"modified":"2018-04-14T12:00:40","modified_gmt":"2018-04-14T10:00:40","slug":"von-gott-kraehen-falsch-saengerinnen-und-fake-news-gedanken-zu-monika-marons-roman-munin-oder-chaos-im-kopf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2018\/04\/14\/von-gott-kraehen-falsch-saengerinnen-und-fake-news-gedanken-zu-monika-marons-roman-munin-oder-chaos-im-kopf\/","title":{"rendered":"Von Gott-Kr\u00e4hen, Falsch-S\u00e4ngerinnen und Fake-News \u2013 Gedanken zu Monika Marons Roman &#8222;Munin oder Chaos im Kopf&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Rezensionen finden sich eher selten auf meinem Blog. Diesmal habe ich mich aber an einer versucht. Ich wurde angefragt, ob ich nicht eine Besprechung des Romans <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\"><em>\u201eMunin oder Chaos im Kopf\u201c<\/em> von Monika Maron auf meinem Blog ver\u00f6ffentlichen m\u00f6chte. Es handelt sich dabei um ein literarisches, kein historisches Werk. Allerdings spielt im Kontext des Buches der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg eine Rolle, so dass ein historischer Bezugspunkt gegeben war. Aus Neugierde habe ich dieser Bitte entsprochen und m\u00f6chte gleich betonen, dass es sich hierbei um keine \u201eGef\u00e4lligkeitsrezension\u201c handelt. Au\u00dfer dem Rezensionsexemplar des Buches habe ich keinen Vorteil daraus bezogen. <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">Meine Betrachtung geht auch \u00fcber den Umfang und den Charakter einer Rezension hinaus, kann und will ich mir doch einige bewertende \u00c4u\u00dferungen nicht verkneifen.<\/span><\/span><!--more--><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Nachdem ich das Buch gelesen und diesen Text verfasst hatte, suchte ich im Netz weitere Rezensionen und fand \u2013 es <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcberraschte mich nicht \u2013 eine Vielzahl von Beitr\u00e4gen \u00fcber Marons Werk. Selbst im <\/span><em><span style=\"font-family: Georgia;\">Literarischen Quartett<\/span><\/em><span style=\"font-family: Georgia;\">, der ZDF-B<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcchertalkshow, wurde das Buch <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">besprochen <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">(ZDF, 2. M\u00e4rz 2018)<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">. Diese sind nicht in meine Beurteilung eingeflossen. Ich werde ggf. in einem eigenen Beitrag darauf noch eingehen.<\/span><\/span><\/p>\n<h1><span style=\"font-family: Georgia; font-size: 14pt;\">Worum geht es also in dem Buch?<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Eine freiberufliche Journalistin aus Berlin, Mina Wolf, erh<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4lt den Auftrag, einen ausf\u00fchrlichen Artikel \u00fcber den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg f\u00fcr eine Festschrift einer westf\u00e4lischen Kleinstadt zu verfassen, die ihr tausendj\u00e4hriges Bestehen feiern m\u00f6chte.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Im Verlauf des Romans versucht die Ich-Erz<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4hlerin sich in das Thema einzuarbeiten, wird dabei aber immer wieder durch eine Frau in der Nachbarschaft gest\u00f6rt, die tagaus-tagein auf dem Balkon steht und lauthals Arien singt. Dieser noch dazu eher schlechte Dauergesang bel\u00e4stigt alle Anwohner der Stra\u00dfe, die sich auf vielf\u00e4ltige Weise gegen die S\u00e4ngerin zu wehren versuchen. Da diese aber als nicht zurechnungsf\u00e4hig eingestuft wird und juristisch unter Vormundschaft gestellt ist, bleiben alle Versuche, etwas gegen sie zu unternehmen, erfolglos. Eine Anwohnerversammlung f\u00fchrt zum Zerw\u00fcrfnis der Teilnehmer. Die Bewohner der Altbauwohnungen stammen aus dem gehobenen Bildungsb\u00fcrgertum und bringen ein gewisses Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die nervige S\u00e4ngerin auf, die Mieter der Neubauten der Stra\u00dfe fordern drastische Ma\u00dfnahmen gegen die Frau. W\u00e4hrend der Versammlung geraten beide Parteien aneinander, in dessen Folge es zu Ausschreitungen gegeneinander kommt. Reifen werden zerstochen, Autos brennen. In einem eher ruhigen, b\u00fcrgerlichen Umfeld entwickelt sich Chaos in K\u00f6pfen und Taten.<br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Die Journalistin versucht sich m<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00f6glichst aus diesen Auseinandersetzungen heraus zu halten, entgeht dem st\u00f6renden Gesang, in dem sie nachts arbeitet und tags\u00fcber bei geschlossenen Fenstern zu schlafen versucht. Der sich zunehmend verschlechternden Stimmung in ihrer Umgebung, wachsendem Hass und Aggressivit\u00e4t kann sie sich aber nicht entziehen. Bei ihrer n\u00e4chtlichen Arbeit begegnet ihr eine einbeinige Kr\u00e4he, dessen Vertrauen sie nach und nach gewinnt. Zu ihrer \u00dcberraschung kann die Kr\u00e4he sprechen und offenbart sich ihr nach kurzer Zeit als \u201eGott\u201c. Zwischen der Journalistin und der Gott-Kr\u00e4he, der sie den Namen \u201eMunin\u201c gibt nach einem der beiden Raben des germanischen Gottes Odin, entspinnt sich ein Diskurs \u00fcber Krieg und Frieden und das Wesen des Menschen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Irritiert <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcber diese Begegnungen und Gespr\u00e4che sucht Mina Wolf den Austausch mit verschiedenen Freunden, in dem sie auch die Vorg\u00e4nge in der Stra\u00dfe reflektiert.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Ganz beil<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4ufig erf\u00e4hrt Mina Wolf, dass in ihrer Stra\u00dfe die Spannungen einen neuen H\u00f6hepunkt erreicht hatten, als eine Frau beinahe vergewaltigt und ihr Hund erstochen worden war. <\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eAuf dem schmalen Weg zwischen der Gr\u00fcnanlage auf der einen und dem Kindergarten mit dem gro\u00dfen Spielplatz auf der anderen Seite, etwas abgelegen von Wohnh\u00e4usern, h\u00e4tten zwei M\u00e4nner, von der Frau als s\u00fcdl\u00e4ndische Typen beschrieben, sie zu Boden gezerrt und mit einem Messer bedroht.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 207<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Das im Verlauf der Handlung stets wachsende Bedrohungsgef\u00fchl in der gutb\u00fcrgerlichen Berliner Stra\u00dfe wird hier direkt mit dem Fl\u00fcchtlingsthema verkn\u00fcpft, indem Monika Maron wiederum sehr beil\u00e4ufig ein paar Zeilen sp\u00e4ter erw\u00e4hnt:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eUnd eine der beiden Frauen sagte, diesen Weg w\u00fcrde sie im Dunkeln nie gehen, schon gar nicht, seit neuerdings diese Leute \u2013 sie machte eine kleine Pause und blickte vielsagend von einem zum anderen \u2013 in der N\u00e4he untergebracht seien. Lieber mache sie einen Umweg.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 208<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">In dieser dumpfen, angst- und hasserf<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcllten Atmosph\u00e4re kommt die S\u00e4ngerin bei einem Polizeieinsatz durch einen Unfall ums Leben, woraus sich eine heftige Diskussion in den sozialen Medien \u00fcber die Verantwortung der Polizei bei diesem Vorfall entwickelt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Schlie<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00dflich beendet Mina Wolf ihre Abhandlung \u00fcber den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg, schickt sie ihrem Auftraggeber, bekommt aber \u2013 und damit endet das Buch \u2013 von diesem die Mitteilung, dass auf eine Ver\u00f6ffentlichung verzichtet wird, da sie <em>\u201edoch zu pessimistisch und d\u00fcster erscheine.\u201c<\/em> (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 222<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">) Ihr Honorar erhalte sie selbstverst\u00e4ndlich wie abgesprochen.<\/span><\/span><\/p>\n<h1 align=\"left\"><span style=\"font-family: georgia, palatino, serif; font-size: 14pt;\">Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg im Roman<\/span><\/h1>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Parallel zu der Romanhandlung, dem <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eStra\u00dfenkrieg\u201c zwischen den Bewohnern untereinander und gegen die S\u00e4ngerin, bedenkt die Journalistin ihre Erkenntnisse \u00fcber den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg und setzt diese in Beziehung zur gegenw\u00e4rtigen politischen und gesellschaftlichen Lage. Daher bietet es sich f\u00fcr den Historiker an, diese Gedankeng\u00e4nge n\u00e4her zu betrachten.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Sie verwendet als fachliche Grundlage <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">das Buch von <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">Cicely V. Wedgwood, Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">(Wedgwood, Cicely V.; Girschick, A. G., Der Drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg. Hamburg genehmigte Lizenzausg 2011)<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">.<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\"> Dieses Buch entstand im Jahr 1938, wurde 1967 ins Deutsche <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcbersetzt. Der Spiegel lobte beim Erscheinen der deutschen Ausgabe, das Werk sei <em>\u201efarbiger als alles, was deutsche Historiker \u00fcber den gro\u00dfen Krieg geschrieben haben.\u201c<\/em> Die Ich-Erz\u00e4hlerin hatte das Buch auch auf eine Empfehlung des renommierten Historikers Sebastian Haffners ausgew\u00e4hlt, der es <em>\u201eals die immer noch beste Monographie zu diesem Thema bezeichnet hatte.\u201c<\/em> Dieser Hinweis findet sich im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cicely_Veronica_Wedgwood\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia-Artikel zu Cicely Veronica Wedgwood<\/a> ohne weitere Quellenangabe. Seine Anerkennung f\u00fcr Wedgwoods Arbeit \u2013 im weiteren Verlauf des Buches spricht die Ich-Erz\u00e4hlerin nur noch knapp von Cicely \u2013 dr\u00fcckt allerdings auch der Spiegel-Artikel aus, in dem zitiert wir:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201e\u201aMit Best\u00fcrzung\u2018 erkannte Sebastian Haffner anhand des Wedgwood\u2010Buches \u201ain dem Deutschland des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges das Deutschland von heute wieder\u2018.\u201c (Sch\u00f6ner, knapper, kl\u00fcger. Dreissigj\u00e4hriger Krieg. 30.10.1967. In: Der Spiegel Ausgabe 45\/1967, 30.10.1967, S. 190\u2013194.)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Diese Sicht liegt dem ganzen Maron-Roman zu grunde: die Charakterisierung der jetzigen Situation im Deutschland des Jahres 2017 als einer Vorkriegszeit.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Im Roman werden immer wieder Parallelen der Jahre vor 1618 und heute erw<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4hnt. So weist die Ich-Erz\u00e4hlerin auf die hohe Zahl der protestantischen Einwanderer in das relativ liberale deutsche Reich des Augsburger Religionsfriedens, was beinahe eine Verdoppelung der Bev\u00f6lkerungszahl zwischen 1550 und 1618 zur Folge gehabt habe, wobei es gleichzeitig zu klimatisch bedingten Hungersn\u00f6ten kam. Die Verfasserin sinniert dar\u00fcber:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eVielleicht faszinierte mich die Vorkriegszeit vor allem, weil sie sich bei unscharfer Betrachtung als grobe Vorlage f\u00fcr die Gegenwart darstellte, und sich in Begriffen beschreiben lie\u00df, die ich t\u00e4glich in den Zeitungen lesen konnte: Klimawandel, Wassermangel, Hunger, Verdoppelung der Bev\u00f6lkerung in f\u00fcnfzig oder sogar drei\u00dfig Jahren, und die Religionen, nat\u00fcrlich die Religionen. [\u2026] Schilderungen aus der Zeit vor Ausbruch des Krieges k\u00f6nnten, tauschte man die Akteure aus, so \u00e4hnlich auch heute zu vermelden sein.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 30<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Sp<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4ter schreibt sie:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eIn jedem Aufsatz, in jedem Cicely-Kapitel fand ich Parallelen zu unserer Zeit, zu unserer Vorkriegszeit:\u00a0die kreuz und quer verlaufenden Fronten und Interessen, die religi\u00f6s verbr\u00e4mten Herrschaftsk\u00e4mpfe, wechselnde und undurchschaubare B\u00fcndnisse. Und diese anarchische Grausamkeit, die pl\u00f6tzlich wieder in unsere befriedete Welt eindrang.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 56)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Damit ist der Grundtenor gelegt: Wir leben heute in einer Vorkriegszeit und die Symptome dieses Zeitalters erf\u00e4hrt die Ich-Erz\u00e4hlerin in den Geschehnissen in ihrer Stra\u00dfe.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Eine zweite f<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcr ihren Aufsatz wichtige Quelle ist die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Hagendorf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Person des Landsknechts Peter Hagendorf<\/a>, \u00fcber den Mina Wolf in einer Internetrecherche gestolpert war. Im Verlauf des Buches erw\u00e4hnt sie immer wieder Episoden aus dem Leben dieser historischen Pers\u00f6nlichkeit, den wir aus seinen Tagebuchaufzeichnungen kennen. Unser Wissen dar\u00fcber ist noch relativ jung, denn die Tageb\u00fccher wurden erst 1988 im Handschriftenverzeichnis der Preu\u00dfischen Staatsbibliothek in Berlin entdeckt. Es ist die verdienstvolle Arbeit von Jan Peters, den anonymen Verfasser des Tagebuchs identifiziert zu haben. Er hat das Tagebuch publiziert (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">Hagendorf, Peter; Peters, Jan (Hrsg.), Peter Hagendorf. Tagebuch eines S\u00f6ldners aus dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg. Herrschaft und soziale Systeme in der fr\u00fchen Neuzeit. 14, G\u00f6ttingen [Neuaufl.] 2012.<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">).<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Mit dem Verweis auf Hagendorf gelingt es, <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcber die abstrakten politischen und milit\u00e4rischen Vorg\u00e4nge des Krieges hinaus einen biografischen Zugang zu dieser Epoche zu entwickeln.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Eine weitere Parallele entdeckt Mina Wolf (oder Monika Maron) in dem <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\"><em>\u201eArtikel eines Wissenschaftlers [\u2026], der die Gefahr gegenw\u00e4rtiger Kriege vor allem in den \u00fcberz\u00e4hligen S\u00f6hnen armer, daf\u00fcr bev\u00f6lkerungsreicher L\u00e4nder sah. Diese jungen M\u00e4nner, obendrein sexuell frustriert, weil ohne berufliche Zukunft nicht heiratsf\u00e4hig, w\u00fcrden wie Dynamit in einer Gesellschaft wirken, in der sie sich erobern m\u00fcssten, was ihnen verwehrt sei. [\u2026] In Europa, schrieb der Professor, habe vom 16. bis zum fr\u00fchen 20. Jahrhundert eine \u00e4hnliche Situation geherrscht.\u201c<\/em> (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">86\u201387<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">) Diese \u201eYouth Bulge\u201c bezeichnete Theorie geht zur\u00fcck auf den Amerikaner Gary Fuller, der sie 1995 in einer Analyse der Lage im Irak f\u00fcr die CIA entwickelt hat. In Deutschland wurde sie von Gunnar Heinsohn aufgegriffen und weiterentwickelt (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">Heinsohn, Gunnar, S\u00f6hne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen. Z\u00fcrich 8. Aufl. 2006.<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">).<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Mina Wolf komprimiert diesen Bezug von Vergangenheit und Gegenwart, von Drei<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00dfigj\u00e4hrigem Krieg und derzeitigen Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men in dem Satz:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201ePeter, Mohammed, Hussein \u2013 alles arme Hagendorfe, dachte ich.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 87)<\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Das Leben Hagendorfs beinhaltet auch die <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\"><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Magdeburger_Hochzeit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eMagdeburger Hochzeit\u201c<\/a>, eines der dramatischsten Ereignisse des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges, als 1631 kaiserliche Truppen unter den Gener\u00e4len Tilly und Pappenheim die Stadt eroberten und verw\u00fcsteten. Peter Hagendorf war als Soldat daran beteiligt und schildert sie auch in seinem Tagebuch. Er wurde dort schwer verwundet.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">F<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcr Monika Maron ist Magdeburg das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart, l\u00e4sst sie doch Mina Wolf Bez\u00fcge zu ihrer eigenen Familiengeschichte und zum Thema Nationalstolz entdecken.<\/span><\/span><\/p>\n<p align=\"left\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Eine dritte Quelle erscheint in dem Roman, die die Grundlage f<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcr die Gespr\u00e4che der Ich-Erz\u00e4hlerin und der Kr\u00e4he bildet: Zwei Werke von Annette von Droste-H\u00fclshoff. In dem Epos \u201eDie Schlacht im Loener Bruch 1623\u201c thematisiert sie die Niederlage des Christian von Braunschweig, der mit seinem protestantischen Heer bei Stadtlohn von der katholischen Liga unter Tilly geschlagen worden war (im Internet abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.lwl.org\/kultur-download\/droste\/Web-Text-Schlacht.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.lwl.org\/kultur-download\/droste\/Web-Text-Schlacht.pdf<\/a>). Dieser Christian von Braunschweig ist auch Thema des Gedichts \u201eDie Kr\u00e4hen\u201c (1844), was dann offenbar die Grundlage f\u00fcr die Gott-Kr\u00e4he Munin darstellt (im Internet abrufbar unter <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/gedichte-1844-2844\/22\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/gedichte-1844-2844\/22<\/a>).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Die Gegen<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcberstellung des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Kriegs und der Jetztzeit ist nat\u00fcrlich reizvoll, weil man in der Tat gewisse Parallelen erkennen kann. Eine hat Monika Maron allerdings nicht erw\u00e4hnt. Ich denke an die Durchdringung der sp\u00e4tmittelalterlichen und vor allem fr\u00fchneuzeitlichen mitteleurop\u00e4ischen Gesellschaft mit dem Gef\u00fchl der Unsicherheit und Angst. Jean Delumeau hat dies ausf\u00fchrlich in seinem Werk \u201eAngst im Abendland. Die Geschichte kollektiver \u00c4ngste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts\u201c beschrieben (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">Delumeau, Jean, Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver \u00c4ngste im Europa des 14. bis 18. Jahrhunderts. Rowohlts Enzyklop\u00e4die Kulturen und Ideen. 503, Reinbek bei Hamburg 1989.<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">). Diese gesellschaftliche Angst, die alles kollektive Handeln beeinflusst hat, scheint mir eine bedeutende Parallele zu unserer derzeitigen gesellschaftlichen Situation, in der zunehmende Teile der Bev\u00f6lkerung sich von einem unscharfen Angstgef\u00fchl bestimmen lassen. Genau dies beschreibt Maron ja auch sehr gekonnt in ihrem Roman, verpasst aber die Gelegenheit, hier den vielleicht entscheidenden Bezug zu dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg und seinen gesellschaftlichen Voraussetzungen aufzuzeigen. Fragen nach den Ursachen kollektiver \u00c4ngste, wie man ihnen begegnen kann, wer sie sch\u00fcrt und von ihnen profitiert und vor allem: wie man sie \u00fcberwinden kann, h\u00e4tten in der Tat einen Gegenwartsbezug von Geschichte vermittelt. Aber dies lag wohl nicht im Sinne von Monika Maron, die in ihrem Werk doch selbst auf der Klaviatur der \u00c4ngste spielt und diese sch\u00fcrt.<\/span><\/span><\/p>\n<h1><span style=\"font-family: georgia, palatino, serif; font-size: 14pt;\">Eine fragw\u00fcrdige Ethik<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Erschreckend fallen die ungesch<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00f6nt sozialdarwinistischen Einstellungen auf, die das Buch durchziehen. Vor allem der Gott-Vogel Munin h\u00e4lt diese Sicht der fehlerhaften Menschheit vor. Gegen eine \u00fcberalternde Gesellschaft, die die Kr\u00e4fte der Jungen mit der Pflege der Alten \u00fcberfordern wird, stellt Munin den Satz:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eSterben lassen, was nicht leben kann. So jedenfalls machen wir es.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 114<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Mina Wolfs Einwand <em>\u201eIhr seid Tiere.\u201c<\/em> Begegnet der Vogel mit einem schlichten <em>\u201eIhr auch.\u201c<\/em> Worauf die Ich-Erz\u00e4hlerin nur noch zu antworten wei\u00df:<em> \u201eNein. Doch. Nat\u00fcrlich. Aber anders, andere Tiere.\u201c<\/em><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Diese sozialdarwinistische Weltsicht kommt immer wieder beil<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4ufig zum Vorschein, wenn Mina Wolf sich beispielsweise an eine Kindheitsgeschichte erinnert:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eDass eine Horde Spatzen einen kranken Artgenossen get\u00f6tet haben sollte, nur weil er bei mir, einem Menschen, Zuflucht gefunden hatte, blieb mir als eine Lehre f\u00fcrs Leben, wenn ich auch ihren Sinn nicht verstand.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 49<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Aber w<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">ie lautet diese Lehre? Hilf nicht den Kranken und k\u00fcmmere dich nicht um Wesen einer anderen Art \u2013 beides geht nicht gut aus?<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Auf der vorletzten Seite, im letzten Gespr<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4ch der beiden wird diese Sichtweise nochmals hervorgehoben:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eDas Lachen vergeht uns gerade, seit sie das Genom entschl\u00fcsselt haben und wir wissen, dass sogar die Maus und der Mensch zu neunundneunzig Prozent genetisch \u00fcbereinstimmen. Besonders f\u00fcr die Gottgl\u00e4ubigen muss das ein Schock sein. Denn wenn der Mensch Gottes Ebenbild ist, dann m\u00fcsste ja auch Gott zu neunundneunzig Prozent eine Maus sein oder ein Affe oder sogar ein Biber. Dann ist alles Gott.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 221<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Hier liegt dann letztlich der Grund, warum der Drei<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00dfigj\u00e4hrige Krieg und die Gegenwart einander so \u00e4hnlich sin: Weil die Menschen damals wie heute Tiere sind, unf\u00e4hig zu einer moralischen L\u00e4uterung. Oder wie es die Ich-Erz\u00e4hlerin ausdr\u00fcckt:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eMunins Behauptung, die Menschen seien f\u00fcr den Frieden einfach nicht begabt, spukte mir immer noch im Kopf herum. Eigentlich war sie das Fazit dessen, was ich bei Cicely und meiner sonstigen Lekt\u00fcre zum Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg gefunden und was in mir die bedrohliche Anhnung, auch wir lebten wieder in einer Vorkriegszeit, heraufbeschworen hatte.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 119<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Aus ihrer politischen Haltung macht die Verfasserin kein wirkliches Hehl. Immer wieder streut sie deutliche Aussagen in die Dialoge des Buches. So h<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00f6rt Mina Wolf in einem Caf\u00e9 das Gespr\u00e4ch zweier Lehrerinnen \u00fcber das Gender-Thema und Sexualkunde im Unterricht und \u00e4u\u00dfert aus diesem Anlass ihre eigene Haltung in klaren Worten. Sie spricht von <em>\u201egenderspezifischer Sprachverhunzung\u201c<\/em> und <em>\u201eGenderschei\u00dfe\u201c<\/em> (diesen Ausdruck verwendet sie sogar zweimal; <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 75<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">).<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Von Fl<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcchtlingsabschiebungen werden geradezu grotesk falsche Zahlen als Tatsachen hingestellt: <em>\u201eIch hatte am Morgen gerade in der Zeitung gelesen,\u201c<\/em> l\u00e4sst Maron ihre Protagonistin vermelden, <em>\u201edass man unter massivem Protest der linken Bewegung achtzehn von den Millionen junger M\u00e4nnern, die man zuvor ins Land gelassen hatte, nun wieder in ihre Heimat bef\u00f6rdert hatte, achtzehn von einer Million.\u201c<\/em> (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">. 208\u2013209<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">) Tats\u00e4chlich wurden 2015 20.888 Menschen abgeschoben, 2016 25.375 und 2017 23.966, wie man leicht im Internet nachlesen kann (z. B. hier bei der Bundeszentrale f\u00fcr Politische Bildung: <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung 2018. Zahlen zu Asyl in Deutschland. Infografiken zu Asylgesuchen, Asylantr\u00e4gen, Asylentscheidungen und Abschiebungen. Online verf\u00fcgbar unter <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/gesellschaft\/migration\/flucht\/218788\/zahlen-zu-asyl-in-deutschland#Abschiebungen\">https:\/\/www.bpb.de\/gesellschaft\/migration\/flucht\/218788\/zahlen-zu-asyl-in-deutschland#Abschiebungen<\/a>, zuletzt aktualisiert am 14.3.2018.<\/span> <span style=\"font-family: georgia, palatino, serif;\">(M\u00f6gliche Grundlage f\u00fcr diese \u201eMeldung\u201c mag die Abschiebung von 18 Afghanen am 22. Februar 2017 gewesen sein. Die Welt meldete \u201e18 Afghanen wurden am Mittwoch mit der dritten Sammelr\u00fcckf\u00fchrung von M\u00fcnchen nach Kabul geflogen, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 67, in den Jahren zuvor jeweils sogar nur neun.\u201c (18 Menschen sitzen im Flieger nach Afghanistan. 22.02.2017. In: Die Welt 22.02.2017.) Auf Welt-online wird ein Video von der Abschiebung eingef\u00fcgt, das in der Unterschrift mit dem Hinweis auf Protesten versehen ist. Der Tenor dieser Zeitungsmeldung passt zur Tendenz der Stelle im Roman, wobei letzterer den Sachverhalt aber v\u00f6llig falsch darstellt.)<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Die <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201elinke Bewegung\u201c kommt bei Monika Maron generell nicht gut weg. Sie erscheint immer als ungerechtfertigte Protestierer. So hei\u00dft es im Zusammenhang mit dem Tod der S\u00e4ngerin:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201e\u00dcber die S\u00e4ngerin wurde nicht mehr berichtet, als dass sie eine verwirrte Person war, f\u00fcr deren ungl\u00fccklichen Unfalltod die Polizeibeamten aber in keiner Weise verantwortlich waren, da sie sich gegen den Angriff der Frau nicht einmal zur Wehr gesetzt hatten, sondern ihm nur ausgewichen waren. Trotzdem twitterte eine bekannte Politikerin einer Oppositionspartei, es w\u00e4re die Aufgabe der Polizei gewesen, die verwirrte Person zu sch\u00fctzen und nicht sich selbst, was allerdings auf allgemeine Emp\u00f6rung stie\u00df.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 212<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-family: Georgia;\"><span style=\"font-size: medium;\">Noch eine Beobachtung am Rande:<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Die Autorin scheint eine gewisse Affinit<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4t zum Onlineh\u00e4ndler Amazon zu besitzen, erw\u00e4hnt sie ihn doch mehrfach als Einkaufsquelle der Lekt\u00fcre, die Mina Wolf f\u00fcr ihre Recherche sich zulegt. Auch den amazoneigenen Ebook-Reader Kindle nutzt sie so h\u00e4ufig, dass es mindestens dreimal in dem Buch erw\u00e4hnt wird.<\/span><\/span><\/p>\n<h1><span style=\"font-family: georgia, palatino, serif; font-size: 14pt;\">Zum Schluss<\/span><\/h1>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Ich k<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00f6nnte jetzt sagen, dass ich mich schwer tue mit einer Beurteilung des Buches. Denn Marons Werk hat zweifelsohne seine St\u00e4rken, so vor allem die Darstellung einer verunsicherten b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die sich in zunehmender Gereiztheit befindet und sich bei den kleinsten Anl\u00e4ssen von Grundstrukturen des demoktratischen, friedfertigen Zusammenlebens entfernt.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Es gibt spirituelle Impulse, die durchaus beachtlich sind, wenn Mina Wolf am Ende nach einer langen Zeit der Selbstzweifel, ob ihre Gesp<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00e4rche mit der Kr\u00e4he echt oder nur eingebildet seien, zu dem Fazit gelangt:<\/span><\/span><\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">\u201eMit einer Kr\u00e4he sprechen ist sch\u00f6n, hatte Rosa gesagt, und dass ich nicht verr\u00fcckt sei, sondern mir eine neue Welt erschlossen h\u00e4tte.\u201c (<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">S. 220<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">)<\/span><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Und zweifelsohne ist das Buch fl<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcssig und gut lesbar, nie langweilig.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Erschreckend tritt aber dem Leser die offensichtliche <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00dcbernahme fremdenfeindlicher Ressentiments durch die Autorin entgegen. Die unverfrorene Falschdarstellung eines Sachverhalts wie die tats\u00e4chliche Zahl der Abschiebungen erreicht leider das Niveau von <\/span><span style=\"font-family: Georgia;\"><i>fake-news.<\/i><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\">Die sozialdarwinistischen Tendenzen, die unwidersprochen in dem Roman vom Gott-Vogel Munin verbreitet werden, lassen letztlich f<\/span><span style=\"font-family: Georgia;\">\u00fcr diese neu erschlossene Welt der Mina Wolf nichts Gutes ahnen.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Georgia;\"><em>Monika Maron, Munin oder Chaos im Kopf. Frankfurt am Main 2018 (S. Fischer-Verlag), 220 Seiten, 20 Euro (geb. Ausgabe), 16,99 Euro (Ebook).<\/em><br \/>\n<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezensionen finden sich eher selten auf meinem Blog. Diesmal habe ich mich aber an einer versucht. Ich wurde angefragt, ob ich nicht eine Besprechung des Romans \u201eMunin oder Chaos im Kopf\u201c von Monika Maron auf meinem Blog ver\u00f6ffentlichen m\u00f6chte. Es handelt sich dabei um ein literarisches, kein historisches Werk. 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