{"id":2447,"date":"2012-08-05T16:53:34","date_gmt":"2012-08-05T14:53:34","guid":{"rendered":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/?p=2447"},"modified":"2012-08-05T17:15:19","modified_gmt":"2012-08-05T15:15:19","slug":"seelenfeuer-von-cornelia-haller-die-zweite","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2012\/08\/05\/seelenfeuer-von-cornelia-haller-die-zweite\/","title":{"rendered":"\u201cSeelenfeuer\u201d von Cornelia Haller \u2013 die Zweite"},"content":{"rendered":"<p>Wie in meinem Beitrag <a href=\"http:\/\/historikerkraus.de\/blog\/2012\/08\/03\/ein-praktisches-beispiel-seelenfeuer-von-cornelia-haller\/\" target=\"_blank\">&#8222;Ein praktisches Beispiel: &#8218;Seelenfeuer&#8216; von Cornelia Haller&#8220; <\/a>angek\u00fcndigt, habe ich mir die Leseprobe des Buches heruntergeladen und gelesen.<\/p>\n<p>Die Leseprobe beinhaltete das gesamte erste und einen Teil des zweiten Kapitels. Da es bei E-Books keine feste Seitenzahlen gibt, muss dies als \u201cMengenangabe\u201d gen\u00fcgen. Immerhin war das Lesestoff f\u00fcr gute 20 Minuten. Der Inhalt dieser Leseprobe wird auch in der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/30\/L-B-Haller-Seelenfeuer\/komplettansicht\" target=\"_blank\">Rezension von Martin Walser<\/a> ausf\u00fchrlich wiedergegeben.<\/p>\n<p>Das Buch ist fl\u00fcssig und gut lesbar geschrieben. Die Autorin versteht es, den Leser gleich zu Beginn im ersten Kapitel zu fesseln. Wie die junge Hebamme um das Leben des Kindes und der Mutter bei einer Geburt k\u00e4mpft, ist packend beschrieben und lies mich durchaus mitfiebern. Die Leseprobe ist auch ausreichend, um sich ein Bild von der Hauptperson zu machen.<\/p>\n<p>Die technische Umsetzung des E-Books ist ganz ordentlich, allerdings gibt es f\u00fcr meinen Geschmack zu viele Abs\u00e4tze, die zudem noch jeweils mit einer Leerzeile besonders betont werden. Einfache Abs\u00e4tze hatten das Textbild positiver gestaltet. Au\u00dferdem gab es im ersten Kapitel mehrfach unn\u00f6tige Leerzeichen, besonders beim Namen des Priesters \u201cWendelin\u201d, der fast immer \u201cWendel in\u201d geschrieben wurde. Im zweiten Kapitel ist der Fehler nicht mehr aufgetreten. Ansonsten ist die Leseprobe aber sauber lektoriert.<\/p>\n<p>Die Figur der Luzia ist allerdings komponiert aus einer Ansammlung von Klischees. Luzia, die Hebamme, ist nat\u00fcrlich rothaarig und unehelich geboren, von der Mutter abgelehnt, als Dreizehnj\u00e4hrige zu Tante und Onkel gebracht worden, die \u2013 selbst kinderlos \u2013 das M\u00e4dchen wie ihre eigene Tochter lieben und gro\u00dfziehen. Au\u00dferdem ist Luzia medial begabt und besitzt die F\u00e4higkeit, bei Ber\u00fchrung die Gef\u00fchle anderer Menschen selbst zu durchleben. Sie sieht Geister und D\u00e4monen und h\u00f6rt Stimmen, die sie f\u00fchren. Cornelia Haller hat voll in die Esoterik-Kiste gegriffen. Ein paar Beispiele:<\/p>\n<blockquote><p>\u201c\u2019Geh weiter! Du bist auf dem rechten Weg!\u2019, drang das kaum wahrnehmbare Fl\u00fcstern an ihr Ohr. Die Schneeflocken glitzerten auf einmal wie verzauberte Kristallsterne. Perchta,die uralte Erdenmutter, die H\u00fcterin der Elemente und des Wetters, war ihr also gn\u00e4dig.<br \/>\n\u2018Gro\u00dfe Mutter, Quelle der ungeborenen Seelen, danke, dass du mir den sicheren Weg weist\u2019, fl\u00fcsterte Luzia dankbar.\u201d<\/p>\n<p>\u201c\u2018Gro\u00dfe Mutter, steh uns bei! Ich bitte dich, hilf mir und f\u00fchre meine H\u00e4nde\u2019, betete Luzia stumm.<br \/>\nSie erschrak, als sie die tanzenden Schatten an der Wand entdeckte. Schwarz und unheimlich krochen sie immer n\u00e4her. Luzia meinte, sie kichern zu h\u00f6ren.\u201d<\/p>\n<p>\u201c\u2018Gib nicht auf, du bist auf dem rechten Weg!\u2019 Luzia hob ruckartig den Kopf und sah auf die Feuerstelle. Das Fl\u00fcstern war aus den Flammen gekommen. Ein kaum sichtbares L\u00e4cheln umspielte ihren Mund.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Ob die Autorin selbst \u201cesoterisch angehaucht\u201d ist oder sich die Geisteswelt einer sp\u00e4tmittelalterlichen Hebamme so vorstellt, vermag ich auf Grund der Leseprobe nicht zu sagen.<\/p>\n<p>Ganz gelungen fand ich dagegen die Darstellung des Miteinanders von christlichem Glauben und Aberglauben im Leben der Menschen bei der Geburtsszene, die insgesamt sehr gut beschrieben ist. W\u00e4hrend Luzia die Schatten an der Wand tanzen sieht und von der \u201cGro\u00dfen Mutter\u201d Zuspruch erf\u00e4hrt, beten die anwesenden Frauen den Rosenkranz. Gleichzeitig verabreicht die Hebamme der Geb\u00e4hrenden Bet\u00e4ubungsmittel, um den Geburtsschmerz zu lindern. Sie wei\u00df genau um die Geburtsvorg\u00e4nge Bescheid und greift mit ihren H\u00e4nden beherzt in den Geb\u00e4rvorgang ein.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist Luzia eine recht <em>moderne<\/em> Hebamme, die sich \u00fcber jede Geburt Notizen macht und diese systematisch auswertet.<\/p>\n<blockquote><p>\u201cSie trug jede Niederkunft in ein Pergament ein. Pater Wendelin gab ihr jedes Jahr einige B\u00f6gen davon und ermutigte sie, t\u00e4glich ein paar Zeilen zu schreiben.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus der Leseprobe geht leider nicht hervor, wo das M\u00e4dchen zu schreiben gelernt hat. Bei Martin Walser kann man lesen, dass Pater Wendelin ihr Lehrer ist.<\/p>\n<p>Was mir gar nicht gefallen hat, aber das mag eine Geschmacksfrage sein, sind die aufgesetzt wirkenden Formulierungen, mit denen die Verfasserin so etwas wie \u201caltert\u00fcmliches Kolorit\u201d erzeugen will. So verwendet sie nicht nur den Begriff \u201cJahre\u201d f\u00fcr entsprechende Zeitangaben, sondern auch &#8222;Sommersonnenwende&#8220; und schafft es, sogar in einem Satz abwechselnd von \u201cWintern\u201d und \u201cSommern\u201d zu sprechen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cVor sechs Jahren hatten sie sich kennengelernt.\u201d<\/p>\n<p>\u201cEr hatte zu den wenigen geh\u00f6rt, die sie vor sechs Sommersonnenwenden nicht wegen ihres Haares angestarrt hatten\u201d<\/p>\n<p>\u201cW\u00e4hrend Luzia gerade ihren neunzehnten Winter erlebte, z\u00e4hlte Matthias schon etwas \u00fcber zwanzig Sommer.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch sonst tauchen f\u00fcr meinen Geschmack arg pathetische S\u00e4tze auf:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cJetzt suchte sie nach dem Augenblick. Der winzigen L\u00fccke in den m\u00e4chtigen Speichen im Rad der Zeit, in welche sie mit Gottes Hilfe den Stab des Schicksals senken konnte.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Andererseits taucht auch unvermittelt ein Anachronismus auf, wenn Luzia das Neugeborene mit den Worten begr\u00fc\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cDa haben wir ja den neuen Erdenb\u00fcrger.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein <em>B\u00fcrger<\/em> war in dem kleinen Dorf Seefelden am Bodensee im Jahr 1483 mit Sicherheit nicht zur Welt gekommen.<\/p>\n<p>Mir stellt sich die Frage, welches Mittelalterbild durch solche Passagen dem Leser vermittelt wird? Aber f\u00fcr eine kompetente Beurteilung ist die Leseprobe nat\u00fcrlich zu klein, so dass ich die Frage offen lassen muss.<br \/>\nWenn Walser im Blick auf das gesamte Buch schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Das alles ist be\u00e4ngstigend genau erz\u00e4hlt. Man erf\u00e4hrt, wie eine Stadt, der es ganz gut geht, ziemlich schnell in einen Wahn ger\u00e4t. Jeder kann jeden denunzieren oder anklagen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>dann mag er Recht haben. Ich bin allerdings angesichts der Klischeehaftigkeit der Leseprobe skeptisch ob der historischen Genauigkeit des Romans.<\/p>\n<p>Mein pers\u00f6nliches Fazit jedenfalls lautet: Wer einen spannenden, gut geschriebenen Unterhaltungsroman sucht, wird mit &#8222;Seelenfeuer&#8220; gut bedient sein. Ich werde mir das Buch dennoch nicht zulegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in meinem Beitrag &#8222;Ein praktisches Beispiel: &#8218;Seelenfeuer&#8216; von Cornelia Haller&#8220; angek\u00fcndigt, habe ich mir die Leseprobe des Buches heruntergeladen und gelesen. Die Leseprobe beinhaltete das gesamte erste und einen Teil des zweiten Kapitels. Da es bei E-Books keine feste Seitenzahlen gibt, muss dies als \u201cMengenangabe\u201d gen\u00fcgen. 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